Mangelnde Fruchtbarkeit – wie Weichmacher, PCB und Pestizide die Fruchtbarkeit schädigen

Mangelnde Fruchtbarkeit - ein Problem der Gegenwart und Zukunft

Mangelnde Fruchtbarkeit lässt zahlreiche Paare ungewollt kinderlos und sie benötigen die Unterstützung der Reproduktionsmedizin. Generell nimmt die Fruchtbarkeit ab, ein besorgniserregender Trend. 2014 konnte nachgewiesen werden, dass endokrine Disruptoren die männliche Fruchtbarkeit schädigen. Viele dieser Chemikalien sind auch in Innenräumen zu finden. Paare mit Kinderwunsch, aber auch junge Familien und Schwangere sollten hierauf ein besonderes Augenmerk legen.

Rund zwölf Prozent aller Paare sind ungewollt kinderlos und ihr Anteil wächst. Jeder sechste Mensch ist laut einer WHO-Studie unfruchtbar. Die Qualität der Spermien ist im freien Fall.

Für den Zeitraum 1973 – 2011 wurde ein Abfall der Spermienqualität von rund 50 % ermittelt. Ähnliches gilt für die Anzahl: 2018 hatte der Durchschnittsmann nur noch halb so viele Spermien im Ejakulat wie in den 1970ern. Für einen aktuellen Podcast titelt Zeit online gar von einer „Spermien-Apokalypse“ und fragt, ob das Ende der Menschheit drohe.

Zu drastisch? Fakt ist: Hatten Männer 1973 noch 101 Millionen Spermien pro Milliliter, waren es 2018 nur noch 52 bis 65 Millionen. Eine Menge … und immer noch genug? Mag sein, denn erst bei unter 20 Millionen pro Milliliter gilt die Fruchtbarkeit als beeinträchtigt.

Setzt sich der statistische Trend jedoch ungebremst fort, könnte sich die Spermienproduktion bis 2045 dem Nullpunkt annähern. Und dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Bereits 1996 war im Spiegel zu lesen, dass die Spermienzahl pro Jahr um 2 % sinke. Der Artikel erläuterte, dass Umweltgifte für diesen Trend in Verdacht stehen und sich die Medizin auf immer mehr Kinder aus der Retorte einstellt.

Ungewollt kinderlos zu sein, ist für Betroffene eine erhebliche Belastung: seelisch, körperlich und finanziell.

Also höchste Zeit, sich mit den Ursachen zu beschäftigen. Neben medizinischen und psychischen Einflüssen spielen insbesondere Umwelteinflüsse eine große Rolle. Und einige davon sind in Innenräumen zu finden. Eine erhöhte Exposition gegenüber bestimmten hormonell wirksamen Substanzen, sogenannten endokrinen Disruptoren, kann die weibliche und männliche Fruchtbarkeit erheblich beeinflussen. Auch elektromagnetische Strahlung steht in Verdacht, die Fruchtbarkeit zu schädigen.

Die WHO beobachtet seit einigen Jahrzehnten zunehmende gesundheitliche Beschwerden, die mit dem Hormonsystem zusammenhängen. Neben einer immer früher einsetzenden Pubertät bei Mädchen in den westlichen Industrieländern, beunruhige auch die nachlassende Spermienqualität junger Männer in Europa und die zunehmende Zahl an Brust-, Prostata-, Schilddrüsen oder Hodenkrebsfällen. 2012 hat die Organisation endokrine Disruptoren als ernstzunehmende Bedrohung definiert.

Eine der Ursachen der mangelnden Fruchtbarkeit sind endokrine Disruptoren, Chemikalien, die das Hormonsystem stören.
Ein endokriner Disruptor ist eine Chemikalie, welche die Funktion des endokrinen Systems ändert und dadurch negative gesundheitliche Auswirkungen auf einen intakten Organismus oder dessen Nachkommen verursacht.

„Endokrine Disruptoren (ED) sind Chemikalien oder Mischungen von Chemikalien, die die natürliche biochemische Wirkweise von Hormonen stören und dadurch schädliche Effekte (z.B. Störung von Wachstum und Entwicklung, negative Beeinflussung der Fortpflanzung oder erhöhte Anfälligkeit für spezielle Erkrankungen) hervorrufen“, definiert das Umweltbundesamt auf seiner Website.

Zu unterscheiden sind sie von endokrin aktiven Substanzen (EA). Diese haben zwar Einfluss auf das Hormonsystem, „wobei es aber beim aktuellen Stand des Wissens noch unklar ist, ob diese Wechselwirkung zu einem schädlichen Effekt auf den gesamten Organismus führt oder nicht“. Ein schädliches Potential der EA ist also keineswegs ausgeschlossen.

Substanzen mit endokriner Wirkung werden in der Lebensmittelindustrie, Medizin, Empfängnisverhütung, Kosmetik sowie in Alltagsprodukten und Baumaterialien eingesetzt. Zu den bekanntesten gehören Bisphenol A, Parabene, bestimmte Weichmacher oder Flammschutzmittel, polychlorierte Biphenyle (PCBs) und einige Pestizide.

Phthalate werden vor allem als Weichmacher für den billig herzustellenden Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) verwendet, der sonst zu hart und brüchig wäre. Von der jährlich in Westeuropa erzeugten einer Million Tonnen Phthalate gehen über 90 % in die Produktion von Weich-PVC. Diese Produkte bestehen dann zu 30 – 35 % aus Weichmachern.

Der größte Endnutzer von Weich-PVC ist die Bauindustrie. Das große Problem dabei ist: Die Phthalate sind nicht an das Material gebunden. Sie dünsten aus und verteilen sich durch Abrieb und belasten so die Innenraumluft. Über die Atmung oder direketen Kontakt mit dem Material gelangen die Stoffe in den Körper.

Typische Quellen von Phthalaten in Innenräumen sind Bodenbeläge, Kunstleder, Tapeten, Teppiche oder Kabelummantelungen.

Weichmacher beeinträchtigen die Fruchtbarkeit. PVC-Bodenbeläge bestehen aus bis zu 35 % Weichmachern.
Bodenbeläge, Teppiche, Kunststofftapeten: Besonders wenn phthalathaltige Kunststoffe großflächig verbaut sind, kann die Innenraumluft belastet sein.

Die fünf am häufigsten eingesetzten Phthalate sind:

  • DIDP (Diisodecylphthalat)
  • DINP (Diisononylphthalat)
  • DEHP (Diethylhexylphthalat)
  • DBP (Dibutylphthalat)
  • BBP (Benzylbutylphthalat)

Dabei war DEHP lange das am häufigsten verwendete Phthalat.

Von der EU sind derzeit DEHP, DBP und BBP als fortpflanzungsgefährdend eingestuft. Bei Männern senken sie die Zahl der Spermien und haben zudem das Potential, das Kind im Mutterleib zu schädigen. Daher werden seit einigen Jahren DEHP, DBP und BBP durch die Ersatzphthalate DIDP und DINP ersetzt. Diese machen derzeit den größten Anteil der eingesetzten Phthalate aus. Sie sind chemisch den ersteren ähnlich, aber derzeit nicht als gefährlich eingestuft. Dennoch hat die EU Phthalate für Baby- und Kinderartikel gänzlich verboten.

Bis 2006 enthielt Kinderspielzeug gefährliche Weichmacher (Phthalate).
Vermeiden Sie ältere Spielzeuge aus Weichplastik! Bis 2006 durften gesundheitsschädliche Phthalat-Weichmacher in Spielzeug verwendet werden. Diese können das Hormonsystem stören und zu Unfruchtbarkeit führen.

In älteren Produkten sind die gefährlichen Phtahlate natürlich noch vorhanden. Weichmacher sind langlebig und reichern sich im Organismus an.

Phthalate stehen auch in Zusammenhang mit dem Phänomen der „schwarzen Wohnungen“ („magic dust“), welches Wohnungen innerhalb kürzester Zeit schwarz werden lässt.

Polychlorierte Biphenyle sind in Verdacht, endokrine Disruptoren zu sein und somit für Unfruchtbarkeit bei Männern verantwortlich. Außerdem wirken sie immuntoxisch, teratogen (schädigen den Fötus im Mutterleib), entwicklungsschädigend für die körperliche und geistige Entwicklung und sind potentiell krebserregend.

Bei PCB handelt es sich um einen Summenparameter organischer Chlorverbindungen: Dies bedeutet, dass es sich hierbei – ebenso wie bei PAK ( polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) – um eine Summe aus mehreren Einzelsubstanzen handelt. Bei PCB sind dies 209 sogenannte Kongenere. Einige PCB-Kongenere weisen sogar dioxinähnliche Wirkungen auf.

Aufgrund ihrer gefährlichen Eigenschaften sind PCB seit 1986 verboten.

Bis dahin fanden sie aufgrund ihrer Eigenschaften vielfache Verwendung, i.B. im Bauwesen. Zwischen 1955 und 1975 wurden massenhaft PCB-haltige Fugendichtmassen (Fenster- oder Bodenanschlussfugen) im Innenbereich eingesetzt, insbesondere in den großen Betonbauten jener Zeit. PCB-haltige Schalungsöle haben Betonoberflächen verunreinigt. Im Fußboden-, Decken und Wandbereich wurden PCB-haltige Beschichtungen, Kleber oder Anstriche verwendet. Auch bestimmte Deckenplatten oder Kleinkondensatoren können zu einer PCB-Belastung der Innenraumluft führen.

PCB, bis 1989 enthalten in Leuchtstoffröhren, sind endokrine Disruptoren.
PCB finden sich in Deckenplatten, Anstrichen oder Fugenmassen der 50er bis 70er Jahre. Bis 1989 durfte PCB in geschlossenen Systemen verwendet werden, z.B. in Kleinkondensatoren von Leuchtstoffröhren.

Bei PCB handelt es sich um schwer abbaubare Stoffe. So findet man hohe PCB-Konzentrationen in betroffenen Gebäuden auch noch heute vielerorts. Gerade Schwangere sind – auch laut PCB-Verordnung – besonders schutzbedürftig.

Schon länger wird die hormonähnliche Wirkung einer Reihe von Pestiziden diskutiert, welche die Landwirtschaft einsetzt. Das bekannteste davon ist Glyphosat. Sein Einsatz wurde allen Erkenntnissen zum Trotz durch die EU-Kommission im November 2023 erneut für weitere zehn Jahre genehmigt, da es bei der Abstimmung keine ausreichende Mehrheit für oder gegen den Einsatz gegeben hatte. Deutschland wagte nicht dagegen zu stimmen, obwohl im Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen vereinbart war: „Wir nehmen Glyphosat bis Ende 2023 vom Markt.“ So wird also das versprochene Glyphosat-Verbot nicht umgesetzt.

Ist mangelnde Fruchtbarkeit als eine Folge des massiven Pestizideinsatzes in Landwirtschaft und Bauwesen?
Keine andere Chemikalie wird in Deutschland so viel verwendet wie Glyphosat – etwa 5500 Tonnen jährlich! Die IARC hält Glyphosat für wahrscheinlich krebserregend, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit verneint das. Warum gehen die Einschätzungen so weit auseinander?

Glyphosat wirkt neurotoxisch und als endokriner Disruptor. Bereits im Jahr 2015 erfolgte die Einstufung von Glyphosat als mögliches Humankarzinogen durch die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC).

Aber nicht nur über die Nahrung können Pestizide in den Körper gelangen. Sind Materialien in Innenräumen mit Pestiziden belastet, gelangen die Gifte über die Raumluft und den Staub in den Organismus der Bewohner. Und viele Pestizide wurden und werden sowohl in der Landwirtschaft als auch für Bau- und Ausstattungsmaterialien eingesetzt. Ein gutes Beispiel hierfür sind „Holzschutzmittel“, die Holz in ihrer Funktion als Fungizide (Pilztöter) oder Insektizide (Insektentöter) schützen sollten – und dabei allein in West-Deutschland die Gesundheit hundert tausender Menschen ruinierte. Aber nicht nur das. Es gibt Hinweise darauf, dass chlorierte Kohlenwasserstoffe, wie die in Holzschutzmitteln verwendeten Pestizide Pentachlorphenol (PCP) und Hexachlorcyclohexan (Lindan) ebenso wie die Dioxine, mit denen „Holzschutzmittel“ verunreinigt waren, die Spermienqualität verschlechtern und die Befruchtung von Einzellen stören.

Zwar wurden PCP und Lindan bereits in den 1980ern im Holzschutz verboten bzw. die Herstellung in Deutschland verboten. Bis 2002 durfte Lindan hingegen in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Seit 2009 ist die Chemikalie verboten, jedoch nur innerhalb der EU. Im Ausland wird Lindan weiterhin eingesetzt. Und Pestizide sind sehr langlebige Stoffe, die auch Jahrzehnte nach ihrem Einsatz noch in großen Mengen vorhanden sind und ihre gefährliche Wirkung entfalten können.

Ebenfalls bekannt ist die hormonähnliche Wirkung einer Reihe anderer Pestizide, die ebenfalls Störungen der Fruchtbarkeit oder auch ein erhöhtes Brustkrebsrisiko zur Folge haben können.

Je nach Fragestellung und Budget gibt es verschiedene Untersuchungsmethoden, endokrine Substanzen wie Weichmacher, PCB und Pestizide in Innenräumen aufzuspüren. Da sich die schwerflüchtigen Stoffe im Hausstaub anlagern, gibt ein Staub-Screening zunächst einen guten Überblick über dort nachweisbare Stoffe. Befinden sich verdächtige Materialien im Innenraum, können Materialproben genommen werden. Diese eignen sich auch zur Quellenidentifizierung. Eine Luftmessung gibt genaue Auskunft über die Konzentration der Schadstoffe. Diese Analysemethode zeigt, wie die Stoffe die Atemluft belasten. Auch vorhandene offizielle Vorsorge-Maßnahmen orientieren sich meist an den Ergebnissen von Luftmessungen. Besonders für PCB gibt es eindeutige Richt- und Grenzwerte, sodass sowohl Gesundheitsgefahren als auch Maßnahmen klar definiert sind.

Haben Sie Verdacht auf eine Belastung durch Weichmacher, Flammschutzmittel, PCB oder Pestizide in Ihren Räumen? Eine baubiologische Untersuchung bringt Klarheit!

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Allergien in Innenräumen: tränende Augen, Niesreiz, Husten

rinnende Nase | Allergie

Das sind die typischen Symptome einer Allergie. Inzwischen sind rund ein Drittel der Bevölkerung betroffen. Die Tendenz war in den letzten Jahrzehnten steigend. Und Experten sind sich einig: Alles weist darauf hin, dass Allergien auch in Zukunft weiterhin zunehmen werden. Neben dem klassischen Heuschnupfen, der Betroffene saisonal überwiegend im Außenraum quält, gibt es jedoch auch eine Vielzahl an Allergenen, die vorrangig in Innenräumen sind und Allergiker das ganze Jahr über belasten.

Entstehung einer Allergie

Eine Allergie ist eine Überreaktion auf körperfremde Stoffe, in der Regel Proteine. Allergene können über verschiedene Wege in den Körper gelangen: über die Luft, über die Nahrung, über die Haut oder über eine Injektion. Einmal sensibilisiert – dies bedeutet, dass IgE Antikörper nachweisbar sind – kann es zu Allergien kommen. Untersuchungen haben gezeigt, dass 51 % der Bevölkerung für mindestens ein Allergen sensibilisiert ist.

Ob sich nun nach Sensibilisierung bei erneutem Kontakt mit dem Allergen eine Allergie zeigt oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

  • von der genetischen Disposition: Ist ein Elternteil Allergiker, hat das Kind eine 30 %ige Wahrscheinlichkeit, selbst Allergiker zu werden. Sind beide Elternteile Allergiker, erhöht sich das Risiko für das Kind sogar auf 70 %.
  • der Exposition gegenüber dem Allergen: Ein einmaliger Kontakt führt in der Regel nicht zu einer Allergie. Je mehr man dem Allergen ausgesetzt ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine Allergie. Dies bezieht sich sowohl auf die Menge als auch auf die Dauer der Exposition.
  • der Allergiepotenz der Substanz: Substanzen haben ein unterschiedliches Allergiepotenzial. Als starke Allergene gelten beispielsweise Beifuß oder die sich immer weiter ausbreitende Ambrosia (Ragweed). Hier genügen bereits geringste Mengen, eine Allergie auszulösen.
  • der Abwehrlage, also dem individuellen Immunsystem
Allergen Beifuß
Beifuß (Bild) hat eine weiße Blattunterseite. Ambrosia unterscheidet sich durch eine grüne Blattunterseite. Laut Bundesumweltamt hat Ambrosia ein 5-mal höheres Allergiepotenzial als Gräserpollen.

20 000 Atemzüge am Tag

Täglich atmen wir rund 20 000 Mal. So strömen mindestens 10 000 Liter Luft in unsere Lunge und mit ihr eine Vielzahl von Allergenen. Die in der Luft enthaltenen Allergene gelangen aber auch auf die Schleimhäute von Augen oder Nase. Bei Allergikern kommt es zu Allergie-Symptomen wie einer rinnenden Nase, juckenden, tränenden Augen, Hustenreiz oder Atemnot. Auch geschwollene oder gerötete Schleimhäute, Asthmaanfälle oder unspezifische Beschwerden wie Kopfschmerzen und Müdigkeit können allergische Symptome sein.

Es ist sinnvoll, Allergene in Innenräumen zu vermeiden

Hohe Mengen an Allergenen sollten in Innenräumen nicht vorkommen. Auch wenn keine Allergie besteht, ist es empfehlenswert hier im Sinne der Vorsorge zu handeln, um einer Sensibilisierung entgegenzuwirken. Dies gilt insbesondere, wenn Kinder oder Schwangere im Haushalt leben. Eine Sensibilisierung kann zwar in jedem Lebensalter stattfinden, Kinder sind aber besonders empfindlich.

Kleinkind Allergie
Ein Großteil der Allergene in Innenräumen befinden sich im Bodenbereich und bis zu ca. 60 cm darüber.

Oft treten die Symptome einer Allergie nach einem Umzug in eine neue Wohnung, einer Sanierung, der Anschaffung neuer Möbel oder bei Schimmelbefall in der Wohnung auf. Die Betroffenen waren bereits sensibilisiert, kommen nun in erneuten Kontakt mit erhöhten Mengen des Allergens und reagieren mit den typischen Symptomen. Auch eine veränderte Abwehrlage des Körpers durch eine Krankheit oder einen medizinischen Eingriff kann dazu führen, dass sich eine Allergie zeigt.

Typische Quellen von Allergenen in Innenräumen

Zu den häufigsten Allergenen in Innenräumen gehören Schimmelpilzsporen. Neben dem Allergierisiko, das einige Schimmelpilze bergen, sind diese auch wegen einer möglichen toxischen oder pathogenen Wirkung unbedingt zu meiden.

Auch das krebserregende Formaldehyd ist ein potentes Allergen. Erhöhte Mengen finden sich vorwiegend in älteren Fertighäusern und älteren Holzwerkstoffen. Früher wurde Formaldehyd auch zur Konservierung von Farben eingesetzt. Inzwischen wurde es von Isothiazolinonen abgelöst – die ebenfalls allergische Reaktionen provozieren.

Viele flüchtige organische Verbindungen (VOC) aus Baumaterialien, Einrichtungsgegenständen, Farben oder Lacken können Allergien auslösen oder allergieähnliche Symptome wie Reizungen der Augen, Atemwege oder der Haut hervorrufen. Dazu gehören insbesondere Terpene, Aromaten, Alkohole, Glykole, Phenole und Kresole sowie Aldehyde.

tränende juckende Augen | Allergie
Chemikalien können sensibilisierend wirken und Allergien auslösen. Sie können aber auch Reizungen von Augen, Atemwegen oder der Haut hervorrufen und somit zu allergieähnlichen Symptomen führen.

In Betten befinden sich Hausstaubmilben. Nicht die Tierchen selbst, sondern deren Ausscheidungen sowie die Milbenschalen verursachen Allergien.

Mit der baubiologischen Messtechnik Allergenen auf der Spur

Empfohlene Untersuchungen für Allergene in Innenräumen:

SchimmelLiegen erhöhte Sporenkonzentrationen vor? Handelt es sich um Schimmelgattungen mit Allergiepotenzial?
Formaldehyd / AldehydeLiegen erhöhte Mengen an Formaldehyd und weiterer Aldehyde vor?
IsothiazolinoneLiegen erhöhte Mengen an Isothiazolinonen vor?
VOC-ScreeningLiegen erhöhte Konzentrationen an flüchtigen organischen Stoffen vor, die entweder sensibilisierend wirken oder reizend und somit allergieähnliche Symptome auslösen können? Dazu gehören Duftstoffe, Terpene, Aromaten, Alkohole, Aldehyde, Glykole, Phenole oder Kresole.
HausstaubmilbenLiegt im Hausstaub eine erhöhte Anzahl an Hausstaubmilben vor?
Alle diese Untersuchungen finden Sie im Leistungsumfang der Baubiologie Perner Neidhardt

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Aktive Detox-Pflanzen für bessere und gesündere Raumluft

Detox Pflanzen | Raumluft verbessern

Mit Schadstoffen belastete Raumluft ist ein Dauerthema in der baubiologischen Messtechnik. Täglich atmen wir 10 bis 20 m³ Luft ein und diese zu über 90 % in Innenräumen. Doch kaum eine Innenraumluft ist ohne Schadstoffe. Ausdünstungen aus Klebern, Anstrichen, Möbeln, Bodenbelägen und Reinigungsmitteln belasten die Raumluft mit giftigen Stoffen und führen nicht selten zu gesundheitlichen Beschwerden. Ob diese eintreten, hängt von der Konzentration der Schadstoffe, der Dauer der Exposition und der individuellen Disposition ab.

Zimmerpflanzen reinigen die Raumluft

Sind Luftschadstoffe in moderaten Konzentrationen vorhanden, so können manche Zimmerpflanzen dazu beitragen, bestimmte Schadstoffe zu verringern. Neben dem Vorteil einer besseren Luftqualität haben Zimmerpflanzen auch eine psychologische Komponente. Denn Pflanzen machen Innenräume nicht nur attraktiver, sie verbessern die Stimmung, reduzieren Stress und sogar die Schmerzwahrnehmung. Forschungen aus der Umweltpsychologie zeigen, dass die Pulsrate sinkt und der Parasympathikus aktiv wird.

Einige Zimmerpflanzen sind zudem wahre Detox-Pflanzen. Sie können nachweislich die Qualität der Raumluft verbessern, da sie in der Lage sind, Schadstoffe aus der Luft zu filtern.

Erste Erkenntnisse über diese positive Wirkung brachte die NASA Clean Air Study im Jahr 1989. Es wurde erforscht, wie die Luft in Raumstationen gereinigt werden kann. Dabei zeigte sich, dass einige Pflanzen in der Lage waren, bestimmte flüchtige organische Verbindungen, sog. VOCs, in der Luft zu reduzieren. Insbesondere die Konzentration von Formaldehyd konnten viele Pflanzen verringern.

Detox-Pflanzen verbessern die Raumluft
Zimmerpflanzen erhöhen die Luftfeuchtigkeit und reichern die Raumluft mit Sauerstoff an.

Ein weiterer positiver Effekt von Zimmerpflanzen: Sie wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff um. Die Sauerstoffkonzentration in der Raumluft erhöht sich, was die Leistungsfähigkeit – gerade am Arbeitsplatz – verbessert.

Pflanzen geben Feuchtigkeit an die Raumluft ab und erhöhen die Luftfeuchtigkeit, was gerade im Winter den Atemwegen zugutekommt.

Auch der Staubanteil in der Luft kann durch Zimmerpflanzen bis zu 20 % verringert werden. Viele Schadstoffe sind an den Staub gebunden und werden so hauptsächlich über die Atmung aufgenommen. Weniger Staub bedeutet weniger Schadstoffe.

Je mehr Blattoberfläche eine Pflanze hat, desto mehr Giftstoffe kann sie filtern. Pflanzen nehmen Gifte über die Blätter auf. Diese verarbeiten sie entweder direkt oder transportieren sie in die Wurzeln, wo sie abgebaut werden.

Welche Schadstoffe sind in meiner Raumluft?

Natürlich lässt sich die Raumluft durch Pflanzen nur bedingt reinigen. Wie hoch die Schadstoffbelastung Ihrer Raumluft ist, erfahren Sie bei einer baubiologischen Schadstoffuntersuchung oder einem Schadstoffscreening.

Achten Sie am besten von vornherein auf mögliche Schadstoffverursacher. Verwenden Sie bei Renovierungen oder Neubauten unbedingt so weit wie möglich unbedenkliche, am besten baubiologische Materialien. Achten Sie bei Neukäufen auf schadstoffarme Produkte.

Zimmerpflanzen richtig gießen, damit kein Schimmel wächst

Zimmerpflanzen wollen gepflegt und regelmäßig gegossen werden. In feuchter Erde kann Schimmel wachsen und dieser kann in manchen Fällen zu einem gesundheitlichen Problem werden. Damit dies nicht passiert, sollten Sie einige Gießregeln befolgen:

  • Gießen Sie lieber zu wenig als zu viel. Neben der Schimmelgefahr verhindern Sie das „ertränken“ von Zimmerpflanzen. Etwas welke Blätter machen den Pflanzen hingegen nichts aus. Viele Zimmerpflanzen kommen aus den Subtropen, wo sie lange Zeit keinen Tropfen Wasser bekommen.
  • Gießen Sie vormittags, so kann die Pflanze untertags das Wasser aufnehmen. Dies beugt Pilzbefall vor, denn abends ist die Wasseraufnahme der Pflanzen eingeschränkt.
  • Gießen Sie maximal so viel, bis Wasser aus dem Abzugsloch läuft. Eine Blähtonschicht im unteren Teil des Topfes verhindert Staunässe.

Zimmerpflanzen einkaufen: Vorsicht Pestizidfalle!

Zimmerpflanzen werden oft in Baumärkten, Supermärkten und Möbelhäusern angeboten, außerdem natürlich im Fachhandel. Die meisten Zimmerpflanzen kommen aus dem globalen Süden. So legen sie, bevor sie in unsere Räume kommen, hunderte, oft tausende von Kilometern zurück. Neben diesem energieintensiven Transport werden die Pflanzen in ihrer Heimat mit vielen Pestiziden, wie Insektiziden oder Fungiziden, behandelt. Darunter sind nicht wenige, die in Deutschland bzw. der EU wegen ihrer Gefährlichkeit verboten sind.

Detox Pflanzen drei rotated

Der gutgemeinte Kauf von Zimmerpflanzen kann zu einer Pestizidquelle in der Wohnung werden.

Zwar muss jede Pflanze, die in der EU verkauft wird, einen Pflanzenpass haben. Doch hierbei wird als „Herkunftsland“ der Ort des letzten Kultivierungsschritts angegeben. Wird eine Pflanze beispielsweise aus Kolumbien importiert und in den Niederlanden umgetopft, so findet sich im Pass als Herkunftsland Niederlande.

Um Pestizide zu vermeiden, sollten Sie Pflanzen mit Bio-Zertifizierung kaufen. Leider stammen derzeit nur etwa 2 % aller Zimmerpflanzen in Deutschland aus ökologischem Anbau. Was bei Lebensmittel längst Standard ist, die Frage nach Herkunft und Schadstoffen, wird bei Zimmerpflanzen noch viel zu wenig gestellt. Mit problematischen Folgen für die Umwelt, die Produzenten in den Herkunftsländern und letztendlich auch die Menschen, in deren Räumen die Pflanzen stehen. Im Frühjahr 2022 untersuchte der Bund speziell als bienenfreundlich deklarierte Zierpflanzen. Fast alle Pflanzen waren pestizidbelastet, manche sogar mit mehreren Wirkstoffen, darunter auch bienenschädigende.

Eine nachhaltige und günstige Alternative zum Pflanzeneinkauf sind regionale Pflanzentauschmärkte, welche sich zunehmender Beliebtheit erfreuen.

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Die vorzügliche Detox-Pflanze Grünlilie lässt sich sehr einfach über das Abschneiden und Einpflanzen der reichlich vorhandenen Kindel vermehren. Kindel sind fertig ausgebildete Jungpflanzen, die nur in feuchte Erde gesteckt werden müssen.

Hier bringen Gleichgesinnte ihre selbstvermehrten Pflanzen oder Pflanzenableger mit und bieten sie zum Tausch an. Wer noch keine Pflanzen dabei hat, kann in der Regel für eine kleine Spende Pflanzen mitnehmen.

Meine Auswahl der besten Detox-Pflanzen

FormaldehydBenzolToluolXylolTrichlorethanAmmoniak
Einblatt *XXXXX
GerberaXXX
Grünlilie *XXXX
Drachenbaum *XXXXX
Efeutute *XX
GummibaumXXXX
ZimmerefeuXXXXX
BogenhaufXXXXX
SteckenpalmeXXXX
echte Aloe *XX
Weihnachtskaktus *X
PhalaenopsisXX
* Diese Detox-Pflanzen können Sie auch über die Baubiologie Perner Neidhardt beziehen. Meine Pflanzen sind selbst gezogen und garantiert frei von Pestiziden! Schreiben Sie mir oder rufen Sie mich an!

Buchtipp: SAUBERE LUFT mit Zimmerpflanzen von Ursula Kopp, Bassermann Verlag, 9,99.-Euro

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Chloranisole: hartnäckiger Mief im Haus

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Der Schock der Besucher ist intensiv und lange anhaltend – ganz im wahren Sinn des Wortes. Für die Besitzer betroffener Häuser können Chloranisole gar existenzbedrohend sein. Nicht nur, dass Immobilien enormen Wertverlust erleiden, auch soziale Ächtung kann die Bewohner treffen.

Hören Sie diesen Text als Audio-Podcast. Gesprochen von Malte Friedrich.

Modrig-muffig und manchmal ultra-intensiv

Bei Chloranisolen handelt es sich um stark riechende Verbindungen, deren Geruch zunächst recht unspektakulär an modrig-muffigen Schimmelgeruch erinnert. Oftmals wird er auch dahingehend (miss!-) interpretiert. Erschwerend für eine richtige Diagnose kommt hinzu, dass Mikroorganismen wie Schimmel oder Bakterien bei der Entstehung von Chloranisolen beteiligt sind. Daher wird ihnen der Geruch vielfach alleinig angelastet. Man begibt sich also auf eine Spurensuche entlang des falschen Weges, was zur Folge hat, dass die wahre Ursache der Geruchsbelästigung im Verborgenen bleibt.

Chloranisole setzen sich in der Kleidung fest. Die Kleidung riecht muffig.
Die Penetranz von Chloranisolen kann enorm sein.

Nach nur wenigen Stunden in einem betroffenen Haus können Kleidung und Haare auch nach Tagen und mehreren Waschgängen noch deutlich riechen. Anders ist jedoch die Wahrnehmung der Bewohner betroffener Häuser: Das Gehirn blendet den Geruch nämlich nach relativ kurzer Zeit aus und so wird er von den Betroffenen nicht mehr wahrgenommen.

Sind Chloranisole gesundheitsschädlich?

Da nach bisherigen Erkenntnissen Chloranisole toxikologisch unbedenklich sind, gäbe es ja kein Problem. Bis…?

Ja, bis die Bewohner das Haus verlassen. Aufgrund der Anhaftung an der Kleidung, kommt es jetzt zur Belästigung Dritter. Diese vermeiden nun möglicherweise Kontakt zu den Bewohnern chloranisolbelasteter Gebäude. Die Wirkung der Chloranisole wird daher als „soziale Toxizität“ bezeichnet. Und zu wissen, einen unangenehmen Geruch auszustrahlen, wird von Betroffenen oft als große Belastung empfunden.

Sanierungen sind kostspielig und nicht immer möglich, befallene Objekte schwer verkäuflich. Und: Oft sind Chloranisole die Folge der hochtoxischen Chemikalie Pentachlorphenol. Dieser schwarze Peter steckt dann irgendwo im Haus.

Quellen von Chloranisolen

Chloranisole wurden niemals in Innenräumen direkt eingesetzt. Sie sind vielmehr (oft unkalkulierbare) Abbauprodukte anderer Substanzen. Sie können aus Stoffen wie Chlorbenzolen, Chlorphenolen und anderen Phenolen entstehen. Dies geschieht vor allem dann, wenn diese Stoffe Feuchtigkeit und mikrobieller Aktivität ausgesetzt sind: also wenn Schimmelpilze oder Bakterien aktiv werden.

2003 wurde der Chloranisolgeruch in der Raumluft erstmals identifiziert. Bis dahin kannte man Chloranisole nur in Flüssigkeit, nämlich im Wein: als jene Verbindungen, die den Korkton verursachen. Sind sie aber in der Luft, verbreitet sich jener schimmelig-muffige Geruch.

Trichloranisol ist bekannt als Korkton im Wein.
Gewusst? Chloranisole sind zumindest jedem Weintrinker geschmacklich bekannt, denn sie sind die Verursacher des Korkgeschmacks.

Die bestimmenden Hauptvertreter in der Innenraumluft sind 2,4,6-Trichloranisol (TCA) und 2,3,4,6-Tetrachloranisol (TeCA). Das TCA gehört zu den ultra-intensiven Verbindungen. Bereits 2 ng/m³ Luft können zu einer Geruchsbelästigung führen. Das sind 0,000000002 g in einem Kubikmeter Luft!

Bekannt wurden die Chloranisole in der Luft als „Fertighausgeruch“. Denn sehr bald nach ihrer Entdeckung war klar: Der Geruch ist vor allem ein Thema in älteren Fertighäusern.

Der „Fertighausgeruch“

In Fertighäusern, besonders jenen der 70er Jahre, spielt der Abbau des inzwischen verbotenen, hochtoxischen Ausgangsprodukts Pentachlorphenol (PCP) die entscheidende Rolle. Die Chemikalie wurde als Fungizid eingesetzt. Man behandelte mit PCP-haltigen „Holzschutzmitteln“ bis 1989 Holzverkleidungen, Holzbalken und Holzständer, Fenster, Türen, Fußböden und Einrichtungsgegenstände. Wird PCP durch Bakterien oder Pilze abgebaut, führt eine chemische Reaktion zur Bildung der höchst unangenehmen Gerüche.

baubiologisch Materialproben zur Quellensuche
Materialprobenahme: Zur Verminderung der Geruchsbelastung betroffener Häuser müssen die hauptsächlichen Geruchsstoffe sowie deren Geruchsintensität identifiziert werden.

Beim Kauf einer solchen Immobilie sollte im Vorfeld ein umfassender Gebäudecheck durchgeführt werden, um mögliche Schadstoff- und Geruchsprobleme feststellen zu können. Neben Chloranisolen und PCP können andere „Holzschutzmittel“, Formaldehyd, Chlornaphtaline oder Schimmel problematisch sein.

Sekundärquellen

Chloranisole haben die Eigenschaft, andere Bauteile oder auch Möbel „anzustecken“. Diese werden dann ihrerseits zu weiteren Quellen des unangenehmen Geruchs, den sogenannten Sekundärquellen. Ist beispielsweise eine Spanplatte in der Wand die Quelle, so werden auch Teppiche, Sofa, Vorhänge und weiteres zu zusätzlichen Quellen.

Chloranisole oder Schimmel?

Der Geruch von Chloranisolen ist von Schimmelgeruch schwer zu unterscheiden. Wie kann nun festgestellt werden, ob Chloranisole oder Schimmelpilze oder gar beide für den muffigen Geruch in Haus verantwortlich sind? Für Klarheit sorgt hier nur eine professionelle Raumluftanalyse.

Seit einigen Jahren gibt es hierfür eine Bewertungsgrundlage, welche die gemessenen Konzentrationen einstuft. Chloranisole treten in der Innenraumluft in einem Gemisch von mehreren Verbindungen auf. Der daraus errechnete „Geruchswert“ gibt an, ob die Mischung in der Raumluft geruchlich wahrgenommen wird und somit ursächlich für die Geruchsbelästigung ist. Auch wird bewertet, wie intensiv der Geruch vorliegt.

Haben Sie Verdacht auf eine Chloranisolbelastung der Raumluft, bringt eine Raumluftuntersuchung Klarheit!

Holzschutzmittel: geschütztes Holz – gesundheitsgeschädigte Bewohner

1Holzverschalung

Der Holzschutzmittel-Prozess

Die massenhaft und bedenkenlos eingesetzten Holzschutzmittel der 1960er, 70er und 80er Jahre führten zum größten Umweltstrafverfahren der deutschen Justizgeschichte. Und zu einem Skandal: Die Justiz hat „die Geschädigten im Regen stehen gelassen und der Wirtschaft einen Gefallen getan“, sagt der damals verantwortliche Staatsanwalt Erich Schöndorf.

Die Anklage: Den beiden Geschäftsführern des marktführenden Holzschutzmittelherstellers DESOWAG wurde vorgeworfen, sie hätten im Zeitraum 1978/79 fahrlässig und seit 1979 vorsätzlich gefährliche Körperverletzung begangen. Der Tatbestand: Sie hatten gesundheitsschädliche Holzschutzmittel in den Handel gebracht und damit die Gesundheit abertausender Menschen stark geschädigt. Und das, obwohl ihnen die Gefährlichkeit bekannt gewesen sei.

Xyladecor und Xylamon waren die Namen der Mittel, die Millionen ahnungslose Hausbesitzer, voller Vertrauen in Hersteller und Behörden, in ihre Häuser einbrachten. Sie waren überzeugt, mit dem Schutz ihres Holzes zu Hause etwas Gutes zu bewirken. Suggerierten doch aufwendige Werbekampagnen eine angeblich unbedingte Notwendigkeit, das Holz vor Insekten- und Pilzbefall zu schützen. Selbst der Gesetzgeber griff ein: Zwischen 1956 und 1989 musste laut rechtsgültiger Norm das Holz aller neu erstellten Gebäude mit Holzschutzmitteln behandelt werden. Und das, obwohl bereits 1952 über Todesfälle in Verbindung mit PCP und Lindan berichtet wurde – eben jenen Bioziden, von welchen die Schutzwirkung vor Insekten und Pilzen bei Xyladecor und Xylamon ausging.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

PCP, kurz für Pentachlorphenol, war das am meisten in Holzschutzmitteln eingesetzte Fungizid. Bis zu seinem Verbot 1989 erfolgte der Einsatz in großen Mengen. Man geht davon aus, dass fünf bis sechs Millionen Häuser mit der hochgefährlichen, eindeutig krebserzeugenden Chemikalie behandelt wurden. In vielen Fällen war das eingesetzte PCP zusätzlich mit Dioxin verunreinigt – einem der gefährlichsten Gifte, das die Menschheit je entwickelt hat. Skandalös: Noch 5 Jahre vor dem Verbot von PCP wurde das Gift vom Bundesgesundheitsamt als „sicher nicht krebserregend“ eingestuft.

Lindan, ein Insektizid und potentes Neurotoxin, war ein weiterer gefährlicher Bestandteil der Holzschutzmittel. Aufgrund seiner toxischen Eigenschaften darf Lindan seit 1984 in Deutschland nicht mehr hergestellt werden. Seine Verwendung war aber noch bis 2007 in der EU erlaubt.

Holzschutzmittel sollten sicher vor Holzwurmbefall schützen.
„Xylamon Holzwurm-Tod ist ein sicheres Mittel für die Holzwurmbekämpfung. Es schützt gleichzeitig vor Neubefall“, war nebst einem lächelnden Männchen mit Daumen hoch auf dem Produkt der DESOWAG zu lesen.

So haben also die hochtoxischen Inhaltsstoffe PCP und Lindan nicht nur Holzwurm und Pilz zur Strecke gebracht, sondern auch die Gesundheit mehrerer hunderttausend Menschen allein in den alten Bundesländern geschädigt.

Vergiftetes Holz

Bei dem verwendeten Giftcocktail aus PCP, Lindan und Dioxin handelt es sich um schwerflüchtige Schadstoffe. Anders als bei leichtflüchtigen Schadstoffen, bleiben Schwerflüchter weitgehend am Material gebunden.

So ist die Gesundheitsgefahr durch Holzbalken, Holzverkleidungen und Dachstühle auch heute, lange nach Verbot der hochgefährlichen Inhaltsstoffe, gerade in Altbauten ein häufiges Problem.

In etwa jedem zweiten Haus in Deutschland sind die gefährlichen Holzschutzmittel eingebracht worden. Daher finden sich auch Jahrzehnte nach ihrer Anwendung bei Innenraumuntersuchungen regelmäßig hohe Werte von PCP und Lindan.

Für Dachstühle waren die gefährlichen Holzschutzmittel über 3 Jahrzehnte gesetzlich vorgeschrieben.
Behandeltes Holz kann bis zu 1000 mg/kg PCP enthalten. Mit der Anwesenheit von Dioxinen ist zusätzlich zu rechnen.

Vorsicht bei Sanierungen!

Große Gefahren lauern bei Sanierungen. Wird behandeltes Holz konventionell abgeschliffen, kommt es zur Freisetzung enorm hoher Schadstoffmengen. Aber auch energetische Sanierungen bergen ein Problem: Seit einigen Jahren werden ältere Häuser aufgrund von Energiesparprogrammen gedämmt und luftdichtere Gebäudehüllen forciert. Sind jedoch in den Gebäuden Holzschutzmittel oder andere Gifte angewendet worden, so kann dies gravierende Folgen haben: Es findet kaum mehr Luftwechsel statt und die Konzentration der Schadstoffe im Innenraum steigt.

Ruinierte Gesundheit

Gravierende Gesundheitsschäden bei zahlreichen Betroffenen führten zur Gründung der Interessengemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten (IHG) im Mai 1983. Diese stellte 1984 Strafanzeige gegen die Hersteller. Nach 5 Jahren Ermittlungsarbeit wurde 1989 eine rund 650 Seiten umfassende Anklageschrift vorgelegt. Die Staatsanwaltschaft war 2300 Strafanzeigen und hunderten dramatischen Leidensgeschichten nachgegangen. Doch zunächst ohne Erfolg: Im Juli 1990 hat das Landgericht Frankfurt/Main die Eröffnung des Verfahrens abgelehnt, ohne überhaupt in eine Beweisaufnahme einzutreten. Der Nachweis der Kausalität sei »nicht mit der für eine strafrechtliche Verurteilung zu fordernden Sicherheit zu erbringen«, hieß es.

DESOWAG Geschäftsführer Hagedorn entschied sich für eine “ Vorwärtsstrategie“: „Wenn wir die Packungen ändern, machen wir doch im Nachhinein auf die Giftigkeit aufmerksam.“

Heute zeigen wissenschaftliche Arbeiten über die gesundheitlichen Auswirkungen von Holzschutzmitteln sowie Untersuchungen von Geschädigten, dass für ihre vielen Beschwerden und Erkrankungen die toxischen Holzschutzmittel eine verursachende, auslösende oder verstärkende Rolle spielen. Manche Betroffene erlitten akute Gesundheitsschädigungen während der Verarbeitung. Andere bekamen durch die jahrelangen Ausgasungen chronische Vergiftungen. Organische Spätschäden zeigen sich vielfach erst nach 20 bis 30 Jahren. Dies ist besonders tragisch. Und treten Symptome schleichend oder erst lange Zeit nach der Holzbehandlung auf, werden sie meist nicht mit den Auslösern in Zusammenhang gebracht.

Bei behandelten Hölzern befinden sich die Gifte in der äußeren Schicht des Materials.
In Holzschutzmitteln lag ein Mischungsverhältnis PCP mit Lindan von 10:1 vor. Etwa 90 % der Gifte befinden sich in den äußeren 3-5 mm der behandelten Hölzer. Die daraus resultierende Belastung der Raumluft kann zu erheblichen Sekundärkontaminationen der Raumausstattung führen.

Die Liste der Schädigungen durch Biozide ist lang

So reicht die Palette von psychopathologischen Symptomen über neurologische, dermatologische zu allgemeinen und internistischen Symptomen. Seit 1990 ist PCP als eindeutig krebserregend eingestuft. Es ist fruchtschädigend, neuro- ,immun- und lebertoxisch, steht in Verdacht, die Fruchtbarkeit zu schädigen und das Erbgut zu verändern.

Auch Lindan gilt als krebserzeugend. Es ist ein potentes Neurotoxin. Es steht in Verdacht Nervenschädigungen, Parkinson und Multiple Sklerose auszulösen, zu Veränderungen der inneren Organe und der Blutbildung zu führen und hat Auswirkungen auf das Immunsystem.

Die Aufnahme der Gifte geschieht vor allem über die Haut und die Atmungsorgane. Bis heute ist nicht völlig geklärt, wie die Mittel auf den menschlichen Körper wirken.

Analysemöglichkeiten

Wenn Sie den Verdacht haben, dass in Ihrem Haus die gefährlichen Holzschutzmittel angewendet wurden, bringt eine baubiologische Analyse Klarheit. Betroffen sein können alle in Innenräumen verbauten Hölzer. Häufig wurde das gesamte Holz der tragenden Konstruktion, wurden Fenster, Türen, Zargen, Wand- und Deckenverkleidungen, Fußböden, Treppen bis hin zu Möbeln mit dem Giftcocktail behandelt. Je nach individueller Situation können Material-, Staub- oder Raumluftproben genommen und analysiert werden. Besonders für PCP gibt es eindeutige Richt- und Grenzwerte, sodass sowohl Gesundheitsgefahren als auch Maßnahmen klar definiert sind.

„Die Geschichte geht weiter und fängt wieder von vorne an“

sagt Erich Schöndorf, der Staatsanwalt und Ankläger des Xylamon-Prozesses. Ende 1991 wurde seiner Beschwerde schließlich stattgegeben und das Gerichtsverfahren endlich zugelassen.

Nach insgesamt 12 ½ Jahren und 3 Urteilssprüchen endete der Strafprozess mit einer Einstellung des Verfahrens im November 1996. Die beiden Angeklagten mussten eine Geldbuße von jeweils 100.000 DM (ca. 50.000 €) an die Gerichtskasse zahlen. Die Fa. BAYER AG und die Deutsche Solvay GmbH mussten als Eigentümer der DESOWAG 4 Millionen DM (ca. 2 Millionen Euro) an die Universität Gießen überweisen, um dort einen Lehrstuhl für Toxikologie der Innenraumluft einzurichten. Somit ist der Prozess mehr als glimpflich für die beiden Angeklagten ausgegangen – als Begründung führte der Richter u. a. das fortgeschrittene Lebensalter der angeklagten Geschäftsführer an. Für die Geschädigten war es ein fataler Ausgang. Denn nur ein Schuldspruch hätte ihren Klagen auf Schadensersatz Erfolgsaussichten gebracht.

Staatsanwalt Schöndorf hat über ein Jahrzehnt für die Geschädigten gekämpft, aber auch gegen seinen Arbeitgeber, die Justiz. Mehrfach wurde von ihm gefordert, das Verfahren einzustellen, doch Schöndorf ließ sich nicht kleinkriegen. Nach Ende des Prozesses verließ er den Justizdienst. Er wurde Professor für öffentliches Recht und Umwelt.

Vergessen bleiben die Opfer der PCP- und lindanhaltigen Holzschutzmittel. Sie sind mehrfache Opfer eines Skandals: gesundheitlich, finanziell, gesellschaftlich und menschlich.

Legal vergiftet, dann vergessen – von Menschen und Ratten

Die spannende Dokumentation des SWR (45 Min.) Die Holzschutzmittel Opfer – Legal vergiftet, dann vergessen ist absolut sehenswert. Tausende Menschen wurden damals krank. Und es gibt neue Opfer. Der Film schlägt einen Bogen vom Xylamon-Prozess zu den Inhaltsstoffen heutiger Holzschutzmittel.

Staatsanwalt Erich Schöndorf (1947-2023) kämpfte trotz vielfacher Widerstände als Staatsanwalt für die Opfer der Holzschutzmittel. Der Prozess nahm ein bitteres Ende. Erich Schöndorf verließ nach Prozessende den Justizdienst und wurde Aufklärer.

Besonders lesenswert ist das Buch von Erich Schöndorf Von Menschen und Ratten. Über das Scheitern der Justiz im Holzschutzmittelskandal.

Schöndorf erzählt seine mehr als 12 Jahre andauernde Kraftprobe, berichtet von geschickt geknüpften Netzwerken, gekaufter Wissenschaft, korrupter Politik und willfähiger Justiz. Der Holzschutzmittel-Prozess hat gezeigt, dass die Justiz keine angemessene Antwort auf die gesundheitlichen Risiken des technischen Fortschritts hat. Sein Buch versteht sich als Plädoyer für die Rückgewinnung justizieller Macht gegenüber wirtschaftlichen Interessen und ist somit auch heute hochaktuell.

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„Wunderfaser“ Asbest: die unvergängliche Krebsgefahr

asbesthaltige Fassadenplatten müssen fachgerecht entsorgt werden

Asbest ist die Bezeichnung für bestimmte natürlich vorkommende faserförmige Silikate, aus denen sich Fasern gewinnen lassen. Das Wort kommt aus dem Altgriechischen. Asbestos heißt „unvergänglich“. Kein Wunder bei den folgenden Eigenschaften: größte Festigkeit, hitze- und säurebeständig, unbrennbar, verrottungsresistent, bindefähig und bestens dämmend. Das daher als „Wunderfaser“ bezeichnete Produkt wird seit 200 Jahren zu verschiedenen Zwecken eingesetzt.

Die erste Anwendung der Faser datiert zurück in die 1820er Jahre. Damals wurde die Kleidung von Feuerwehrleuten aus Asbestfasern hergestellt.

Etwa ab 1900 begann die massenhafte Verwendung von Asbest zur Herstellung von letztendlich rund 3000 unterschiedlichsten Produkten. Neben den bekannten Faserzementplatten für Dächer oder Fassaden, Blumentrögen oder feuerfesten Dämmungen wurden z. B. auch Postsäcke, Knöpfe, Telefongehäuse, Fallschirme, Getränkefilter oder Zahnpasta mit Asbest hergestellt. Die Firma Johnson&Johnson (USA) stellte gar 29 Jahre (bis zu Jahr 2000 !) einen asbesthaltigen Babypuder her. 38 000 Geschädigte, viele von ihnen an Krebs erkrankt, kämpfen bis heute um eine Entschädigung.

In den 1960ern bis 1980ern kam es zu einem regelrechten Asbestboom, der jedoch zumindest in Deutschland 1993 ein jähes Ende nahm. Längst überfällig wurde offiziell, was sich schon über Jahrzehnte gezeigt hatte: Die eingeatmeten Fasern verursachen Krebs. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits über ein Jahrhundert hinweg in Deutschland überwiegend bedenkenlos Millionen Tonnen asbesthaltiges Material verbaut. Und das meiste davon (ca. 80 %) steckt noch heute in asbesthaltigen Platten auf Dächern und Fassaden oder verbirgt sich sonst wo im Gebäude. Besonders betroffen sind Gebäude, die zwischen etwa 1960 bis 1990 erbaut wurden. In ihnen sei mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit Asbest zu finden, so der Norddeutsche Asbestsanierungsverband.

Extrem gesundheitsgefährdend

Asbest gilt als extrem gesundheitsgefährdend, denn er zerteilt sich in spezielle Fasern, die sehr leicht eingeatmet werden. Die Fasern dringen tief in die Lunge ein, reizen und vernarben diese. Asbestose ist die Bezeichnung der Lungenverhärtung durch diese Vernarbung. Da der Körper die Fasern nicht abbauen kann, entstehen zunächst chronische Entzündungen und schließlich mit einer mittleren Latenz von 30 Jahren Tumore, wobei der Schwankungsbereich 10 bis 60 (!) Jahre beträgt. Da die Fasern auch angrenzende Gewebe erreichen können, sind weitere Organe (Kehlkopf, Brust-, Rippenfell, Eierstöcke) durch Krebs betroffen. Trotz des Verbots sind noch heute, fast 30 Jahre später, in Deutschland weit über die Hälfte aller berufsbedingten Todesfälle auf Asbest zurückzuführen. Ein EU-weites vollständiges Verbot für Asbest wurde übrigens erst 2005 ausgesprochen.

Asbest ist eine sehr erst zu nehmende Gesundheitsgefahr
Global gesehen ist die Asbestproblematik weiterhin akut. Die Gefährlichkeit wird von den Verantwortlichen ignoriert.

Die Mühlen der Erkenntnis und Aufarbeitung sind langsam. Eine traurige Tatsache, wenn man bedenkt, dass Asbestose bereits um 1900 als Krankheit erkannt und der daraus folgende Lungenkrebs 1936 als Berufskrankheit bekannt war. Die ersten Opfer waren also Arbeiter, die asbesthaltige Materialien hergestellt oder verarbeitet hatten und dafür aufgrund schwerer oder tödlicher Krankheiten um viele Lebensjahre betrogen wurden.

„Fast 40.000 Menschen mussten als offiziell anerkannte Berufskranke durch Asbest bis heute einen frühen Tod sterben. Die Dunkelziffer ist vermutlich doppelt so hoch. In Deutschland starben allein im Jahr 2015 fast 1.600 Menschen, in Europa mehr als 10.000 und weltweit über 150.000 Menschen an Asbesterkrankungen. Man rechnet bei den Erkrankungen, dass die „Spitze des Eisbergs“ erst 2020-2025 erreicht sein wird. Das liegt daran, dass zwischen dem Zeitpunkt der Schädigung und dem Ausbruch der Erkrankung mehrere Jahrzehnte liegen können,“ informiert die Asbestose Selbsthilfegruppe.

Doch der gefährliche Stoff wurde wider besseren Wissens trotzdem als „Wunderfaser“ jahrzehntelang bedenkenlos weiter angepriesen und seine Krebsgefahr von der Industrie geleugnet.

Auch wenn Europas größte Asbestmine in der Balangero, Italien, 1990 stillgelegt wurde, in anderen Regionen der Welt wird heute noch massenhaft Asbest abgebaut: im Jahr 2020 weltweit 1,2 Millionen Tonnen. Der Spitzenproduzent ist Russland, gefolgt von Kasachstan, China und Brasilien. Global gesehen ist die Asbestproblematik weiterhin akut. Asbestfasern sind überall vorhanden. Sogar in der Antarktis finden sich ~20 Fasern pro Kubikmeter Luft.

Haupteinsatzgebiet für Asbest war die Baustoffherstellung

Der propagierte Vorteil der Langlebigkeit bedeutet im Umkehrschluss, dass Asbest auch heute noch in zahlreichen Wohnungen anzutreffen ist. Als problematisch sah man lange nur schwach gebundene Asbestprodukte. Aus diesen Produkten löst sich die Asbestfaser sehr leicht heraus. Dies gilt besonders für Spritzasbest, der als Brandschutz für tragende Elemente verwendet wurde. Aber auch alte Nachtspeicheröfen enthalten schwach gebundenen Asbest. Ein weiterer Klassiker sind Bodenbeläge, die in den 1960ern als Cushion-Vinyl-Beläge einen Siegeszug erlebten. Das Trägermaterial ähnelt optisch Pappe, enthält aber schwach gebundenen Asbest. Ebenso gefährlich sind Asbesttextilien, alte Dichtungen oder Dämmungen.

asbesthaltiger Bodenbelag
ältere Floor-Flex Platten enthalten Asbest
gefährlich: asbesthaltige Kleber
Bodenkleber und Spachtelmassen können asbesthaltig sein

Doch auch von fest gebundenem Asbest geht eine Gesundheitsgefahr aus. Dazu gehören z. B. Dach- und Fassadenplatten (oft „Eternitplatten“ genannt), Blumenkästen, Putze, Spachtelmassen, Fliesen- und Bitumenkleber oder auch Vinyl-Asbest-Fliesen (Floor-Flex). Bei diesen Produkten ist der Asbest zwar fest ins Material eingebunden. Trotzdem auch hier bitte Vorsicht: werden die Produkte thermischen oder mechanischen Einwirkungen ausgesetzt, bearbeitet oder gehen sie zu Bruch, werden die kritischen Fasern z. T. in großen Mengen freigesetzt.

Wie kann man Asbest erkennen?

Mit bloßem Auge ist dies nicht möglich. Die Asbestfasern sind zu klein. Asbestfasern bestehen aus millionenfach aneinander gelagerten Kristalliten. Haben Sie Verdacht auf asbesthaltige Materialien in oder an Ihrem Haus, so bringt eine Laboranalyse des Materials Klarheit. Auch Staubuntersuchungen oder Kontaktklebeproben können vorgenommen werden.

Laboruntersuchung auf Asbest
Ob es sich bei verdächtigen Materialien um Asbest handelt, klärt eine Laboruntersuchung in einem qualifizierten Fachlabor.
Graphitklebestempel zum Nachweis von Asbestfasern
Graphitklebestempel sind Probenehmer für Kontaktklebeproben

Typische Asbestquellen im Wohnumfeld sind:

  • Asbestzementplatten an Fassaden oder Dächern sowie Wellplatten (bis 1993)
  • Fußbodenbeläge (Flor-Flex-Platten und Cushion-Vinyl-Bodenbeläge)
  • alte Fliesenkleber, Estriche, Spachtelmassen (betroffen sind ca. 25 % der vor 1995 errichteten Gebäude)
  • Blumenkästen oder Fensterbänke
  • Spritzasbest als Brandschutzummantelung
  • Asbestpappe
  • Putze (z. B. in Heizungsnischen, Fensterlaibungen und an Türanschlüssen)
  • Nachtspeicheröfen (bis ca. 1972)
  • alte Dichtungsschnüre an Öfen
  • alte Dämmungen (zwischen 1960 und 1980)

Entfernen von asbesthaltigen Materialien

In Deutschland dürfen nur zertifizierte Firmen / Handwerker asbesthaltige Materialien sanieren oder entsorgen. Dabei gelten strengen Schutzmaßnahmen, die u. a. ein staubdichtes Arbeiten und den Einsatz von besonderen Absauggeräten vorschreiben. Denn es sollen weder die ausführenden Fachpersonen noch die Bewohner einer Gefahr durch Asbestfasern ausgesetzt werden.

asbesthaltiger Muell
Werden asbesthaltige Produkte entsorgt, gilt der gesamte Abfall als gefährlich.

Jährlich fallen viele Tonnen asbesthaltiger Müll an. Oft wird Asbest unwissentlich entfernt oder es wird versucht, „kostensparend“ zu entsorgen. Neben den Gesundheitsgefahren, die bei solchen Arbeiten entstehen, gilt es zu bedenken, dass der unsachgemäße Umgang mit Asbest eine Straftat darstellt.

Mehr zum Thema Asbest erfahren Sie in der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales herausgegebenen Leitlinie für die Asbesterkundung zur Vorbereitung von Arbeiten in und an älteren Gebäuden.

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Formaldehyd in Spanplatten: Das „tödliche Bücherregal“

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Die Geschichte der Spanplatte begann 1940 in Bremen. Dort wurde die erste ihrer Art unter Verwendung von Formaldehyd-Harzen hergestellt. Sie löste einen enormen Boom in der Bau- und Möbelindustrie aus, denn nun konnte der Verwertungsgrad von Bäumen um das Doppelte von 40 % auf 80 % gesteigert werden.

Der Grundstoff für Spanplatten ist Abfallholz in Form von kleingehackten Spänen. Diese werden unter hohen Temperaturen und Druck in Form gepresst. Um die Festigkeit zu gewährleisten, wird jede Menge Kunstharzleim zugegeben. Klassischerweise handelt es sich dabei um Formaldehydharz-Leime.

Mehr als 50 Jahre später, im Jahr 1992, untersuchte das Magazin „Stern“ verschiedene Regale auf Formaldehyd. Und die Ergebnisse waren erschreckend: „Krank durch Billy“ titelte das Magazin und IKEAs Regal-Verkaufsschlager Billy war plötzlich als „tödliches Bücherregal“ in aller Munde.

Seither sind vielen Menschen die Gesundheitsgefahren, welche von formaldehydausgasenden Möbeln ausgehen, bekannt. Formaldehyd ist der Möbelschadstoff Nr.1 und das bekannteste Innenraumgift. Über 90 % der heute verkaufen Möbel bestehen aus – meist furnierten – Spanplatten.

Gleichzeitig ist Formaldehyd mit rund 21 Mio. Tonnen Jahresproduktion (Stand: 2019) einer der wichtigsten Grundstoffe der chemischen Industrie.

Formaldehyd ist ein leichtflüchtiger Schadstoff und entweicht aus Lacken und Klebern recht schnell. Bei Möbeln aus Holzwerkstoffen jedoch sieht es anders aus: Noch viele, viele Jahre nach dem Kauf geben diese das gefährliche Wohngift an die Raumluft ab, denn durch eine chemische Reaktion mit der Raumluftfeuchte wird es immer wieder neu gebildet und freigesetzt. Formaldehyd entweicht folglich über die gesamte Lebensdauer der Spanplatte. Erst wenn die Spanplatte zu Spänen zerfallen ist, ist dieser Prozess beendet.

Gesundheitliche Auswirkungen von Formaldehyd

Formaldehyd ist sehr reaktiv. Es wird sowohl über die Atemwege als auch über die Haut aufgenommen. Zu den typischen gesundheitlichen Folgen einer Formaldehyd-Belastung gehören gerötete und/oder tränende Augen, Schleimhautreizungen, Reizhusten, Asthma und Hautausschläge. Auch Kopfschmerzen, Müdigkeit und Gedächtnisstörungen sind bei langer Exposition typisch. Formaldehyd schädigt das Immunsystem und hat sensibilisierende Eigenschaften, was Innenraum-Allergien befördert.

Doch erst 2004 hat die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung) Formaldehyd als für den Menschen krebserzeugend (carcinogetic to humans, group 1) eingestuft, was zu einer Neubewertung in Deutschland geführt hat.

Schützt mich jetzt der Gesetzgeber vor Formaldehyd?

Um die Verbraucher vor einer zu hohen Belastung mit Formaldehyd zu schützen, wurden Formaldehyd-Emissionsklassen eingeführt. So wurde die Verwendung des Stoffes wegen seiner Gefährlichkeit in den letzten Jahren zwar deutlich eingeschränkt, jedoch nicht komplett aus der Produktion von Baustoffen und Möbeln verbannt.

In Deutschland sind für Möbel und Innenausbau nur noch Produkte der Emissionsklasse E1 zulässig. Doch E1 bedeutet nicht formaldehydfrei. E1 bedeutet: Das Material entlässt unter bestimmten Bedingungen nicht mehr als 0,1 ppm (dies entspricht 125 μg/m³) Formaldehyd in die Raumluft.

Sind E1-Platten unbedenklich?

Zum Nachweis einer E1 Klassifizierung wird das zu untersuchende Material bei bestimmten Raumluftparametern in eine Prüfkammer gegeben. Nach einer definierten Zeit wird die Ausgasung gemessen. Diese Laborbedingungen entsprechen jedoch in keiner Weise üblichen Wohnbedingungen. Zusätzlich werden in der Prüfkammer gerade die für die Ausgasung kritischen offenen Kanten abgeklebt!

Verschiedene Vereinigungen fordern daher deutlich strengere Werte.

Auch die baubiologischen Richtwerte empfehlen niedrigere Ausgasungswerte: Bei baubiologischen Raumluft-Untersuchungen gelten bis zu 50 μg/m³ als tolerabel. Werte über 50 μg/m³ sind stark und über 100 μg/m³ extrem auffällig und somit aus baubiologischer Sicht nicht mehr zu akzeptieren.

Bei empfindlichen Menschen kann Formaldehyd bereits ab einer Konzentration von 60 μg/m³ allergische Reaktionen hervorrufen.

2020 wurden in Deutschland zuletzt die Prüfkammerbedingungen verschärft, sodass bei gleichbleibendem Grenzwert die Holzwerkstoffe nur noch halb so viel Formaldehyd ausgasen dürfen.

Dennoch: Seien Sie sich darüber im Klaren, dass E1 nicht zwangsläufig ein Qualitätsmerkmal ist. Im Sinne einer aktiven Gesundheitsvorsorge sollte in Ihren Innenräumen keine Belastung mit Formaldehyd vorliegen und als Mindeststandard der Richtwert der WHO von 60 μg/m³ eingehalten werden.

Vermeiden Sie daher zuhause besser E1-Platten.

Besondere Vorsicht ist bei älteren oder ausländischen Produkten angebracht. Deren Herstellung entspricht nicht den aktuellen deutschen Standards. So können Formaldehydausgasungen bedenkliche Konzentration erreichen.

Vorsicht ist auch bei älteren Fertighäusern geboten. Hier wurden oft großflächig Spanplatten verbaut. So kann es zu massiven Belastungen mit dem gefährlichen Innenraumgift kommen.

Wie hoch die Formaldehyd-Belastung im Raum ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. So spielen neben der Qualität der verbauten Holzwerkstoffe auch deren Fläche, die Raumgröße, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit eine Rolle.

Ihr Möbelverkäufer sagt: „Formaldehyd? Kommt auch in der Natur vor!“

Tatsächlich: Manche Früchte enthalten Formaldehyd. Formaldehyd entsteht im menschlichen Körper bei Stoffwechselvorgängen und gast auch aus naturbelassenem Massivholz aus.

In geringen, natürlichen Mengen ist Formaldehyd unbedenklich. Es kommt auf die Dosis an.

Die in Holzwerkstoffen verwendeten Formaldehydharze werden künstlich hergestellt. Daher enthalten Möbel aus Spanplatten oder anderen Holzwerkstoffen bis zum hundertfachen mehr Formaldehyd als Massivholzmöbel.

Ob Holzwerkstoffe gesundheitsgefährdende Mengen Formaldehyd enthalten, klärt sich am besten und sichersten mit einer qualifizierten baubiologischen Laboruntersuchung. Es können Proben verdächtiger Materialien genommen werden. Möchten Sie wissen, wie stark Ihre Raumluft mit Formaldehyd belastet ist, wird eine Raumluftprobe genommen. Im Gegensatz zu den (oft realitätsfremden) Prüfkammerbedingungen wird hier die Menge an Formaldehyd gemessen, der die Bewohner ausgesetzt sind.

Gibt es auch unbedenkliche(re) Spanplatten?

Ja!

Eine gute Alternative sind F0-Platten (Herstellerbezeichnung). Hier wird ein formaldehydfreier Kleber verwendet. Es gibt zementgebundene Spanplatten. Magnesit ist ein formaldehydfreies Bindemittel für Holzwerkstoffe.

Manche Hersteller verwenden die Bezeichnung E0,5 D2020 um darauf hinzuweisen, dass es sich um Holzwerkstoffe der neuen Prüfkammerbedingungen seit 2020 handelt.

Auch Holzwerkstoffe mit dem NaturePlus- oder Eco-Institut-Siegel gasen geringere Mengen Formaldehyd aus.

Besser nicht:

Seit 2016 dürfen Produkte mit dem Blauen Engel 80 μg/m³ in der Prüfkammer ausgasen (zuvor waren es nur 60 μg/m³). Sie sind daher nicht uneingeschränkt zu empfehlen.

Platten mit der Kennzeichnung E1+ emittieren in der Prüfkammer maximal 80 μg/m³ und sind somit wie jene mit dem Blauen Engel nicht für große Flächen geeignet.

Keinesfalls verwenden sollten Sie Produkte der Emissionsklasse E2. Diese dünsten die 10-fache Menge der E1 Platten aus: 1250 μg/m³. Bei E3 Produkten entstehen sogar 1750 μg/m³ Formaldehyd in der Raumluft im Prüfkammerversuch!

Viele Möbel enthalten Formaldehyd. Dieses entweicht aus Holzwerkstoffen wie Spanplatten.

10 wertvolle Tipps: So vermeiden Sie Formaldehydbelastungen im Wohnbereich

  1. Bevorzugen Sie bei der Anschaffung von Möbeln Vollholzmöbel aus massivem, unbehandeltem Holz. Achten Sie auch auf die Rückwände und Schubladen!
  2. Verzichten Sie auf Laminatböden, diese enthalten oft Formaldehyd zur Feuchte-Imprägnierung.
  3. Auch Korkfußböden können Formaldehyd enthalten – prüfen Sie das Produkt ihrer Wahl.
  4. Wenn Sie Holzwerkstoffe im Wohnraum verwenden möchten, achten Sie auf die Emissionsklasse, die Herkunft und das Herstellungsdatum der Produkte.
  5. Oberflächen und Möbel können durch Lackieren versiegelt werden. Verwenden Sie hierzu ausschließlich Lacke, die zur Versiegelung geeignet sind und zudem keine Schadstoffe enthalten.
  6. Furnierte Oberflächen vorhandener Spanplattenmöbel können mit Bienenwachs und einem weichen Lappen eingerieben werden. Bienenwachs hat die Fähigkeit, Formaldehyd zu binden.
  7. Auch Bohrlöcher können mit Bienenwachs verschlossen werden, um Ausdünstungen zu vermeiden.
  8. Offene Kanten lassen sich am besten mit einem dampfdichten Klebeband aus Aluminium verschließen. Dies funktioniert natürlich auch bei Bohrlöchern, Ritzen oder Spalten.
  9. Rauchen Sie nicht! Ein Raucher nimmt pro Zigarettenpackung 3 mg Formaldehyd auf, Raucher von E-Zigaretten bei gleichem Konsum sogar 14 mg. Übrigens: im kalten Nebenstrom ist 50 x mehr Formaldehyd enthalten, als im Hauptstrom!
  10. Helfen können auch Zimmerpflanzen, die Formaldehyd abbauen. Es eigenen sich: Drachenbaum (Dracena), Efeutute (Epipremnum aureum), Goldfruchtpalme (Chamaedorea seifrizii), Zimmeraralie (Fatsia japonica), Birkenfeige (Ficus benjamina), Grünlilie (Chlorophytum comosum), Scheidenblatt (Spathiphyllum), Fensterblatt (Monstera deliciosa), Orchideen (Orchidaceae), Flamingoblume (Anthurium andraeanum), Schwertfarn (Nephrolepis exaltata), Gummibaum (Ficus elastica), Steckenpalme (Rhapis excelsa), Philodendren (Philodendron)

Bei Verdacht auf eine Formaldehyd-Belastung der Raumluft, bringt eine Raumluftuntersuchung Klarheit!

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