Mangelnde Fruchtbarkeit – wie Weichmacher, PCB und Pestizide die Fruchtbarkeit schädigen

Mangelnde Fruchtbarkeit - ein Problem der Gegenwart und Zukunft

Mangelnde Fruchtbarkeit lässt zahlreiche Paare ungewollt kinderlos und sie benötigen die Unterstützung der Reproduktionsmedizin. Generell nimmt die Fruchtbarkeit ab, ein besorgniserregender Trend. 2014 konnte nachgewiesen werden, dass endokrine Disruptoren die männliche Fruchtbarkeit schädigen. Viele dieser Chemikalien sind auch in Innenräumen zu finden. Paare mit Kinderwunsch, aber auch junge Familien und Schwangere sollten hierauf ein besonderes Augenmerk legen.

Rund zwölf Prozent aller Paare sind ungewollt kinderlos und ihr Anteil wächst. Jeder sechste Mensch ist laut einer WHO-Studie unfruchtbar. Die Qualität der Spermien ist im freien Fall.

Für den Zeitraum 1973 – 2011 wurde ein Abfall der Spermienqualität von rund 50 % ermittelt. Ähnliches gilt für die Anzahl: 2018 hatte der Durchschnittsmann nur noch halb so viele Spermien im Ejakulat wie in den 1970ern. Für einen aktuellen Podcast titelt Zeit online gar von einer „Spermien-Apokalypse“ und fragt, ob das Ende der Menschheit drohe.

Zu drastisch? Fakt ist: Hatten Männer 1973 noch 101 Millionen Spermien pro Milliliter, waren es 2018 nur noch 52 bis 65 Millionen. Eine Menge … und immer noch genug? Mag sein, denn erst bei unter 20 Millionen pro Milliliter gilt die Fruchtbarkeit als beeinträchtigt.

Setzt sich der statistische Trend jedoch ungebremst fort, könnte sich die Spermienproduktion bis 2045 dem Nullpunkt annähern. Und dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Bereits 1996 war im Spiegel zu lesen, dass die Spermienzahl pro Jahr um 2 % sinke. Der Artikel erläuterte, dass Umweltgifte für diesen Trend in Verdacht stehen und sich die Medizin auf immer mehr Kinder aus der Retorte einstellt.

Ungewollt kinderlos zu sein, ist für Betroffene eine erhebliche Belastung: seelisch, körperlich und finanziell.

Also höchste Zeit, sich mit den Ursachen zu beschäftigen. Neben medizinischen und psychischen Einflüssen spielen insbesondere Umwelteinflüsse eine große Rolle. Und einige davon sind in Innenräumen zu finden. Eine erhöhte Exposition gegenüber bestimmten hormonell wirksamen Substanzen, sogenannten endokrinen Disruptoren, kann die weibliche und männliche Fruchtbarkeit erheblich beeinflussen. Auch elektromagnetische Strahlung steht in Verdacht, die Fruchtbarkeit zu schädigen.

Die WHO beobachtet seit einigen Jahrzehnten zunehmende gesundheitliche Beschwerden, die mit dem Hormonsystem zusammenhängen. Neben einer immer früher einsetzenden Pubertät bei Mädchen in den westlichen Industrieländern, beunruhige auch die nachlassende Spermienqualität junger Männer in Europa und die zunehmende Zahl an Brust-, Prostata-, Schilddrüsen oder Hodenkrebsfällen. 2012 hat die Organisation endokrine Disruptoren als ernstzunehmende Bedrohung definiert.

Eine der Ursachen der mangelnden Fruchtbarkeit sind endokrine Disruptoren, Chemikalien, die das Hormonsystem stören.
Ein endokriner Disruptor ist eine Chemikalie, welche die Funktion des endokrinen Systems ändert und dadurch negative gesundheitliche Auswirkungen auf einen intakten Organismus oder dessen Nachkommen verursacht.

„Endokrine Disruptoren (ED) sind Chemikalien oder Mischungen von Chemikalien, die die natürliche biochemische Wirkweise von Hormonen stören und dadurch schädliche Effekte (z.B. Störung von Wachstum und Entwicklung, negative Beeinflussung der Fortpflanzung oder erhöhte Anfälligkeit für spezielle Erkrankungen) hervorrufen“, definiert das Umweltbundesamt auf seiner Website.

Zu unterscheiden sind sie von endokrin aktiven Substanzen (EA). Diese haben zwar Einfluss auf das Hormonsystem, „wobei es aber beim aktuellen Stand des Wissens noch unklar ist, ob diese Wechselwirkung zu einem schädlichen Effekt auf den gesamten Organismus führt oder nicht“. Ein schädliches Potential der EA ist also keineswegs ausgeschlossen.

Substanzen mit endokriner Wirkung werden in der Lebensmittelindustrie, Medizin, Empfängnisverhütung, Kosmetik sowie in Alltagsprodukten und Baumaterialien eingesetzt. Zu den bekanntesten gehören Bisphenol A, Parabene, bestimmte Weichmacher oder Flammschutzmittel, polychlorierte Biphenyle (PCBs) und einige Pestizide.

Phthalate werden vor allem als Weichmacher für den billig herzustellenden Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) verwendet, der sonst zu hart und brüchig wäre. Von der jährlich in Westeuropa erzeugten einer Million Tonnen Phthalate gehen über 90 % in die Produktion von Weich-PVC. Diese Produkte bestehen dann zu 30 – 35 % aus Weichmachern.

Der größte Endnutzer von Weich-PVC ist die Bauindustrie. Das große Problem dabei ist: Die Phthalate sind nicht an das Material gebunden. Sie dünsten aus und verteilen sich durch Abrieb und belasten so die Innenraumluft. Über die Atmung oder direketen Kontakt mit dem Material gelangen die Stoffe in den Körper.

Typische Quellen von Phthalaten in Innenräumen sind Bodenbeläge, Kunstleder, Tapeten, Teppiche oder Kabelummantelungen.

Weichmacher beeinträchtigen die Fruchtbarkeit. PVC-Bodenbeläge bestehen aus bis zu 35 % Weichmachern.
Bodenbeläge, Teppiche, Kunststofftapeten: Besonders wenn phthalathaltige Kunststoffe großflächig verbaut sind, kann die Innenraumluft belastet sein.

Die fünf am häufigsten eingesetzten Phthalate sind:

  • DIDP (Diisodecylphthalat)
  • DINP (Diisononylphthalat)
  • DEHP (Diethylhexylphthalat)
  • DBP (Dibutylphthalat)
  • BBP (Benzylbutylphthalat)

Dabei war DEHP lange das am häufigsten verwendete Phthalat.

Von der EU sind derzeit DEHP, DBP und BBP als fortpflanzungsgefährdend eingestuft. Bei Männern senken sie die Zahl der Spermien und haben zudem das Potential, das Kind im Mutterleib zu schädigen. Daher werden seit einigen Jahren DEHP, DBP und BBP durch die Ersatzphthalate DIDP und DINP ersetzt. Diese machen derzeit den größten Anteil der eingesetzten Phthalate aus. Sie sind chemisch den ersteren ähnlich, aber derzeit nicht als gefährlich eingestuft. Dennoch hat die EU Phthalate für Baby- und Kinderartikel gänzlich verboten.

Bis 2006 enthielt Kinderspielzeug gefährliche Weichmacher (Phthalate).
Vermeiden Sie ältere Spielzeuge aus Weichplastik! Bis 2006 durften gesundheitsschädliche Phthalat-Weichmacher in Spielzeug verwendet werden. Diese können das Hormonsystem stören und zu Unfruchtbarkeit führen.

In älteren Produkten sind die gefährlichen Phtahlate natürlich noch vorhanden. Weichmacher sind langlebig und reichern sich im Organismus an.

Phthalate stehen auch in Zusammenhang mit dem Phänomen der „schwarzen Wohnungen“ („magic dust“), welches Wohnungen innerhalb kürzester Zeit schwarz werden lässt.

Polychlorierte Biphenyle sind in Verdacht, endokrine Disruptoren zu sein und somit für Unfruchtbarkeit bei Männern verantwortlich. Außerdem wirken sie immuntoxisch, teratogen (schädigen den Fötus im Mutterleib), entwicklungsschädigend für die körperliche und geistige Entwicklung und sind potentiell krebserregend.

Bei PCB handelt es sich um einen Summenparameter organischer Chlorverbindungen: Dies bedeutet, dass es sich hierbei – ebenso wie bei PAK ( polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) – um eine Summe aus mehreren Einzelsubstanzen handelt. Bei PCB sind dies 209 sogenannte Kongenere. Einige PCB-Kongenere weisen sogar dioxinähnliche Wirkungen auf.

Aufgrund ihrer gefährlichen Eigenschaften sind PCB seit 1986 verboten.

Bis dahin fanden sie aufgrund ihrer Eigenschaften vielfache Verwendung, i.B. im Bauwesen. Zwischen 1955 und 1975 wurden massenhaft PCB-haltige Fugendichtmassen (Fenster- oder Bodenanschlussfugen) im Innenbereich eingesetzt, insbesondere in den großen Betonbauten jener Zeit. PCB-haltige Schalungsöle haben Betonoberflächen verunreinigt. Im Fußboden-, Decken und Wandbereich wurden PCB-haltige Beschichtungen, Kleber oder Anstriche verwendet. Auch bestimmte Deckenplatten oder Kleinkondensatoren können zu einer PCB-Belastung der Innenraumluft führen.

PCB, bis 1989 enthalten in Leuchtstoffröhren, sind endokrine Disruptoren.
PCB finden sich in Deckenplatten, Anstrichen oder Fugenmassen der 50er bis 70er Jahre. Bis 1989 durfte PCB in geschlossenen Systemen verwendet werden, z.B. in Kleinkondensatoren von Leuchtstoffröhren.

Bei PCB handelt es sich um schwer abbaubare Stoffe. So findet man hohe PCB-Konzentrationen in betroffenen Gebäuden auch noch heute vielerorts. Gerade Schwangere sind – auch laut PCB-Verordnung – besonders schutzbedürftig.

Schon länger wird die hormonähnliche Wirkung einer Reihe von Pestiziden diskutiert, welche die Landwirtschaft einsetzt. Das bekannteste davon ist Glyphosat. Sein Einsatz wurde allen Erkenntnissen zum Trotz durch die EU-Kommission im November 2023 erneut für weitere zehn Jahre genehmigt, da es bei der Abstimmung keine ausreichende Mehrheit für oder gegen den Einsatz gegeben hatte. Deutschland wagte nicht dagegen zu stimmen, obwohl im Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen vereinbart war: „Wir nehmen Glyphosat bis Ende 2023 vom Markt.“ So wird also das versprochene Glyphosat-Verbot nicht umgesetzt.

Ist mangelnde Fruchtbarkeit als eine Folge des massiven Pestizideinsatzes in Landwirtschaft und Bauwesen?
Keine andere Chemikalie wird in Deutschland so viel verwendet wie Glyphosat – etwa 5500 Tonnen jährlich! Die IARC hält Glyphosat für wahrscheinlich krebserregend, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit verneint das. Warum gehen die Einschätzungen so weit auseinander?

Glyphosat wirkt neurotoxisch und als endokriner Disruptor. Bereits im Jahr 2015 erfolgte die Einstufung von Glyphosat als mögliches Humankarzinogen durch die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC).

Aber nicht nur über die Nahrung können Pestizide in den Körper gelangen. Sind Materialien in Innenräumen mit Pestiziden belastet, gelangen die Gifte über die Raumluft und den Staub in den Organismus der Bewohner. Und viele Pestizide wurden und werden sowohl in der Landwirtschaft als auch für Bau- und Ausstattungsmaterialien eingesetzt. Ein gutes Beispiel hierfür sind „Holzschutzmittel“, die Holz in ihrer Funktion als Fungizide (Pilztöter) oder Insektizide (Insektentöter) schützen sollten – und dabei allein in West-Deutschland die Gesundheit hundert tausender Menschen ruinierte. Aber nicht nur das. Es gibt Hinweise darauf, dass chlorierte Kohlenwasserstoffe, wie die in Holzschutzmitteln verwendeten Pestizide Pentachlorphenol (PCP) und Hexachlorcyclohexan (Lindan) ebenso wie die Dioxine, mit denen „Holzschutzmittel“ verunreinigt waren, die Spermienqualität verschlechtern und die Befruchtung von Einzellen stören.

Zwar wurden PCP und Lindan bereits in den 1980ern im Holzschutz verboten bzw. die Herstellung in Deutschland verboten. Bis 2002 durfte Lindan hingegen in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Seit 2009 ist die Chemikalie verboten, jedoch nur innerhalb der EU. Im Ausland wird Lindan weiterhin eingesetzt. Und Pestizide sind sehr langlebige Stoffe, die auch Jahrzehnte nach ihrem Einsatz noch in großen Mengen vorhanden sind und ihre gefährliche Wirkung entfalten können.

Ebenfalls bekannt ist die hormonähnliche Wirkung einer Reihe anderer Pestizide, die ebenfalls Störungen der Fruchtbarkeit oder auch ein erhöhtes Brustkrebsrisiko zur Folge haben können.

Je nach Fragestellung und Budget gibt es verschiedene Untersuchungsmethoden, endokrine Substanzen wie Weichmacher, PCB und Pestizide in Innenräumen aufzuspüren. Da sich die schwerflüchtigen Stoffe im Hausstaub anlagern, gibt ein Staub-Screening zunächst einen guten Überblick über dort nachweisbare Stoffe. Befinden sich verdächtige Materialien im Innenraum, können Materialproben genommen werden. Diese eignen sich auch zur Quellenidentifizierung. Eine Luftmessung gibt genaue Auskunft über die Konzentration der Schadstoffe. Diese Analysemethode zeigt, wie die Stoffe die Atemluft belasten. Auch vorhandene offizielle Vorsorge-Maßnahmen orientieren sich meist an den Ergebnissen von Luftmessungen. Besonders für PCB gibt es eindeutige Richt- und Grenzwerte, sodass sowohl Gesundheitsgefahren als auch Maßnahmen klar definiert sind.

Haben Sie Verdacht auf eine Belastung durch Weichmacher, Flammschutzmittel, PCB oder Pestizide in Ihren Räumen? Eine baubiologische Untersuchung bringt Klarheit!

baubiologische Messtechnik . kompetente Beratung . individuelle Lösungen

Chloranisole: hartnäckiger Mief im Haus

H Chloranisole rotated

Der Schock der Besucher ist intensiv und lange anhaltend – ganz im wahren Sinn des Wortes. Für die Besitzer betroffener Häuser können Chloranisole gar existenzbedrohend sein. Nicht nur, dass Immobilien enormen Wertverlust erleiden, auch soziale Ächtung kann die Bewohner treffen.

Hören Sie diesen Beitrag als Audio-Podcast. Gesprochen von Malte Friedrich.

Modrig-muffig und manchmal ultra-intensiv

Bei Chloranisolen handelt es sich um stark riechende Verbindungen, deren Geruch zunächst recht unspektakulär an modrig-muffigen Schimmelgeruch erinnert. Oftmals wird er auch dahingehend (miss!-) interpretiert. Erschwerend für eine richtige Diagnose kommt hinzu, dass Mikroorganismen wie Schimmel oder Bakterien bei der Entstehung von Chloranisolen beteiligt sind. Daher wird ihnen der Geruch vielfach alleinig angelastet. Man begibt sich also auf eine Spurensuche entlang des falschen Weges, was zur Folge hat, dass die wahre Ursache der Geruchsbelästigung im Verborgenen bleibt.

Chloranisole setzen sich in der Kleidung fest. Die Kleidung riecht muffig.
Die Penetranz von Chloranisolen kann enorm sein.

Nach nur wenigen Stunden in einem betroffenen Haus können Kleidung und Haare auch nach Tagen und mehreren Waschgängen noch deutlich riechen. Anders ist jedoch die Wahrnehmung der Bewohner betroffener Häuser: Das Gehirn blendet den Geruch nämlich nach relativ kurzer Zeit aus und so wird er von den Betroffenen nicht mehr wahrgenommen.

Sind Chloranisole gesundheitsschädlich?

Da nach bisherigen Erkenntnissen Chloranisole toxikologisch unbedenklich sind, gäbe es ja kein Problem. Bis…?

Ja, bis die Bewohner das Haus verlassen. Aufgrund der Anhaftung an der Kleidung, kommt es jetzt zur Belästigung Dritter. Diese vermeiden nun möglicherweise Kontakt zu den Bewohnern chloranisolbelasteter Gebäude. Die Wirkung der Chloranisole wird daher als „soziale Toxizität“ bezeichnet. Und zu wissen, einen unangenehmen Geruch auszustrahlen, wird von Betroffenen oft als große Belastung empfunden.

Sanierungen sind kostspielig und nicht immer möglich, befallene Objekte schwer verkäuflich. Und: Oft sind Chloranisole die Folge der hochtoxischen Chemikalie Pentachlorphenol. Dieser schwarze Peter steckt dann irgendwo im Haus.

Quellen von Chloranisolen

Chloranisole wurden niemals in Innenräumen direkt eingesetzt. Sie sind vielmehr (oft unkalkulierbare) Abbauprodukte anderer Substanzen. Sie können aus Stoffen wie Chlorbenzolen, Chlorphenolen und anderen Phenolen entstehen. Dies geschieht vor allem dann, wenn diese Stoffe Feuchtigkeit und mikrobieller Aktivität ausgesetzt sind: also wenn Schimmelpilze oder Bakterien aktiv werden.

2003 wurde der Chloranisolgeruch in der Raumluft erstmals identifiziert. Bis dahin kannte man Chloranisole nur in Flüssigkeit, nämlich im Wein: als jene Verbindungen, die den Korkton verursachen. Sind sie aber in der Luft, verbreitet sich jener schimmelig-muffige Geruch.

Trichloranisol ist bekannt als Korkton im Wein.
Gewusst? Chloranisole sind zumindest jedem Weintrinker geschmacklich bekannt, denn sie sind die Verursacher des Korkgeschmacks.

Die bestimmenden Hauptvertreter in der Innenraumluft sind 2,4,6-Trichloranisol (TCA) und 2,3,4,6-Tetrachloranisol (TeCA). Das TCA gehört zu den ultra-intensiven Verbindungen. Bereits 2 ng/m³ Luft können zu einer Geruchsbelästigung führen. Das sind 0,000000002 g in einem Kubikmeter Luft!

Bekannt wurden die Chloranisole in der Luft als „Fertighausgeruch“. Denn sehr bald nach ihrer Entdeckung war klar: Der Geruch ist vor allem ein Thema in älteren Fertighäusern.

Der „Fertighausgeruch“

In Fertighäusern, besonders jenen der 70er Jahre, spielt der Abbau des inzwischen verbotenen, hochtoxischen Ausgangsprodukts Pentachlorphenol (PCP) die entscheidende Rolle. Die Chemikalie wurde als Fungizid eingesetzt. Man behandelte mit PCP-haltigen „Holzschutzmitteln“ bis 1989 Holzverkleidungen, Holzbalken und Holzständer, Fenster, Türen, Fußböden und Einrichtungsgegenstände. Wird PCP durch Bakterien oder Pilze abgebaut, führt eine chemische Reaktion zur Bildung der höchst unangenehmen Gerüche.

baubiologisch Materialproben zur Quellensuche
Materialprobenahme: Zur Verminderung der Geruchsbelastung betroffener Häuser müssen die hauptsächlichen Geruchsstoffe sowie deren Geruchsintensität identifiziert werden.

Beim Kauf einer solchen Immobilie sollte im Vorfeld ein umfassender Gebäudecheck durchgeführt werden, um mögliche Schadstoff- und Geruchsprobleme feststellen zu können. Neben Chloranisolen und PCP können andere „Holzschutzmittel“, Formaldehyd, Chlornaphtaline oder Schimmel problematisch sein.

Sekundärquellen

Chloranisole haben die Eigenschaft, andere Bauteile oder auch Möbel „anzustecken“. Diese werden dann ihrerseits zu weiteren Quellen des unangenehmen Geruchs, den sogenannten Sekundärquellen. Ist beispielsweise eine Spanplatte in der Wand die Quelle, so werden auch Teppiche, Sofa, Vorhänge und weiteres zu zusätzlichen Quellen.

Chloranisole oder Schimmel?

Der Geruch von Chloranisolen ist von Schimmelgeruch schwer zu unterscheiden. Wie kann nun festgestellt werden, ob Chloranisole oder Schimmelpilze oder gar beide für den muffigen Geruch in Haus verantwortlich sind? Für Klarheit sorgt hier nur eine professionelle Raumluftanalyse.

Seit einigen Jahren gibt es hierfür eine Bewertungsgrundlage, welche die gemessenen Konzentrationen einstuft. Chloranisole treten in der Innenraumluft in einem Gemisch von mehreren Verbindungen auf. Der daraus errechnete „Geruchswert“ gibt an, ob die Mischung in der Raumluft geruchlich wahrgenommen wird und somit ursächlich für die Geruchsbelästigung ist. Auch wird bewertet, wie intensiv der Geruch vorliegt.

Haben Sie Verdacht auf eine Chloranisolbelastung der Raumluft, bringt eine Raumluftuntersuchung Klarheit!

Holzschutzmittel: geschütztes Holz – gesundheitsgeschädigte Bewohner

1Holzverschalung
Hören Sie den Beitrag als Audio-Podcast. Gesprochen von Malte Friedrich.

Der Holzschutzmittel-Prozess

Die massenhaft und bedenkenlos eingesetzten Holzschutzmittel der 1960er, 70er und 80er Jahre führten zum größten Umweltstrafverfahren der deutschen Justizgeschichte. Und zu einem Skandal: Die Justiz hat „die Geschädigten im Regen stehen gelassen und der Wirtschaft einen Gefallen getan“, sagt der damals verantwortliche Staatsanwalt Erich Schöndorf.

Die Anklage: Den beiden Geschäftsführern des marktführenden Holzschutzmittelherstellers DESOWAG wurde vorgeworfen, sie hätten im Zeitraum 1978/79 fahrlässig und seit 1979 vorsätzlich gefährliche Körperverletzung begangen. Der Tatbestand: Sie hatten gesundheitsschädliche Holzschutzmittel in den Handel gebracht und damit die Gesundheit abertausender Menschen stark geschädigt. Und das, obwohl ihnen die Gefährlichkeit bekannt gewesen sei.

Xyladecor und Xylamon waren die Namen der Mittel, die Millionen ahnungslose Hausbesitzer, voller Vertrauen in Hersteller und Behörden, in ihre Häuser einbrachten. Sie waren überzeugt, mit dem Schutz ihres Holzes zu Hause etwas Gutes zu bewirken. Suggerierten doch aufwendige Werbekampagnen eine angeblich unbedingte Notwendigkeit, das Holz vor Insekten- und Pilzbefall zu schützen. Selbst der Gesetzgeber griff ein: Zwischen 1956 und 1989 musste laut rechtsgültiger Norm das Holz aller neu erstellten Gebäude mit Holzschutzmitteln behandelt werden. Und das, obwohl bereits 1952 über Todesfälle in Verbindung mit PCP und Lindan berichtet wurde – eben jenen Bioziden, von welchen die Schutzwirkung vor Insekten und Pilzen bei Xyladecor und Xylamon ausging.

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung

PCP, kurz für Pentachlorphenol, war das am meisten in Holzschutzmitteln eingesetzte Fungizid. Bis zu seinem Verbot 1989 erfolgte der Einsatz in großen Mengen. Man geht davon aus, dass fünf bis sechs Millionen Häuser mit der hochgefährlichen, eindeutig krebserzeugenden Chemikalie behandelt wurden. In vielen Fällen war das eingesetzte PCP zusätzlich mit Dioxin verunreinigt – einem der gefährlichsten Gifte, das die Menschheit je entwickelt hat. Skandalös: Noch 5 Jahre vor dem Verbot von PCP wurde das Gift vom Bundesgesundheitsamt als „sicher nicht krebserregend“ eingestuft.

Lindan, ein Insektizid und potentes Neurotoxin, war ein weiterer gefährlicher Bestandteil der Holzschutzmittel. Aufgrund seiner toxischen Eigenschaften darf Lindan seit 1984 in Deutschland nicht mehr hergestellt werden. Seine Verwendung war aber noch bis 2007 in der EU erlaubt.

Holzschutzmittel sollten sicher vor Holzwurmbefall schützen.
„Xylamon Holzwurm-Tod ist ein sicheres Mittel für die Holzwurmbekämpfung. Es schützt gleichzeitig vor Neubefall“, war nebst einem lächelnden Männchen mit Daumen hoch auf dem Produkt der DESOWAG zu lesen.

So haben also die hochtoxischen Inhaltsstoffe PCP und Lindan nicht nur Holzwurm und Pilz zur Strecke gebracht, sondern auch die Gesundheit mehrerer hunderttausend Menschen allein in den alten Bundesländern geschädigt.

Vergiftetes Holz

Bei dem verwendeten Giftcocktail aus PCP, Lindan und Dioxin handelt es sich um schwerflüchtige Schadstoffe. Anders als bei leichtflüchtigen Schadstoffen, bleiben Schwerflüchter weitgehend am Material gebunden.

So ist die Gesundheitsgefahr durch Holzbalken, Holzverkleidungen und Dachstühle auch heute, lange nach Verbot der hochgefährlichen Inhaltsstoffe, gerade in Altbauten ein häufiges Problem.

In etwa jedem zweiten Haus in Deutschland sind die gefährlichen Holzschutzmittel eingebracht worden. Daher finden sich auch Jahrzehnte nach ihrer Anwendung bei Innenraumuntersuchungen regelmäßig hohe Werte von PCP und Lindan.

Für Dachstühle waren die gefährlichen Holzschutzmittel über 3 Jahrzehnte gesetzlich vorgeschrieben.
Behandeltes Holz kann bis zu 1000 mg/kg PCP enthalten. Mit der Anwesenheit von Dioxinen ist zusätzlich zu rechnen.

Vorsicht bei Sanierungen!

Große Gefahren lauern bei Sanierungen. Wird behandeltes Holz konventionell abgeschliffen, kommt es zur Freisetzung enorm hoher Schadstoffmengen. Aber auch energetische Sanierungen bergen ein Problem: Seit einigen Jahren werden ältere Häuser aufgrund von Energiesparprogrammen gedämmt und luftdichtere Gebäudehüllen forciert. Sind jedoch in den Gebäuden Holzschutzmittel oder andere Gifte angewendet worden, so kann dies gravierende Folgen haben: Es findet kaum mehr Luftwechsel statt und die Konzentration der Schadstoffe im Innenraum steigt.

Ruinierte Gesundheit

Gravierende Gesundheitsschäden bei zahlreichen Betroffenen führten zur Gründung der Interessengemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten (IHG) im Mai 1983. Diese stellte 1984 Strafanzeige gegen die Hersteller. Nach 5 Jahren Ermittlungsarbeit wurde 1989 eine rund 650 Seiten umfassende Anklageschrift vorgelegt. Die Staatsanwaltschaft war 2300 Strafanzeigen und hunderten dramatischen Leidensgeschichten nachgegangen. Doch zunächst ohne Erfolg: Im Juli 1990 hat das Landgericht Frankfurt/Main die Eröffnung des Verfahrens abgelehnt, ohne überhaupt in eine Beweisaufnahme einzutreten. Der Nachweis der Kausalität sei »nicht mit der für eine strafrechtliche Verurteilung zu fordernden Sicherheit zu erbringen«, hieß es.

DESOWAG Geschäftsführer Hagedorn entschied sich für eine “ Vorwärtsstrategie“: „Wenn wir die Packungen ändern, machen wir doch im Nachhinein auf die Giftigkeit aufmerksam.“

Heute zeigen wissenschaftliche Arbeiten über die gesundheitlichen Auswirkungen von Holzschutzmitteln sowie Untersuchungen von Geschädigten, dass für ihre vielen Beschwerden und Erkrankungen die toxischen Holzschutzmittel eine verursachende, auslösende oder verstärkende Rolle spielen. Manche Betroffene erlitten akute Gesundheitsschädigungen während der Verarbeitung. Andere bekamen durch die jahrelangen Ausgasungen chronische Vergiftungen. Organische Spätschäden zeigen sich vielfach erst nach 20 bis 30 Jahren. Dies ist besonders tragisch. Und treten Symptome schleichend oder erst lange Zeit nach der Holzbehandlung auf, werden sie meist nicht mit den Auslösern in Zusammenhang gebracht.

Bei behandelten Hölzern befinden sich die Gifte in der äußeren Schicht des Materials.
In Holzschutzmitteln lag ein Mischungsverhältnis PCP mit Lindan von 10:1 vor. Etwa 90 % der Gifte befinden sich in den äußeren 3-5 mm der behandelten Hölzer. Die daraus resultierende Belastung der Raumluft kann zu erheblichen Sekundärkontaminationen der Raumausstattung führen.

Die Liste der Schädigungen durch Biozide ist lang

So reicht die Palette von psychopathologischen Symptomen über neurologische, dermatologische zu allgemeinen und internistischen Symptomen. Seit 1990 ist PCP als eindeutig krebserregend eingestuft. Es ist fruchtschädigend, neuro- ,immun- und lebertoxisch, steht in Verdacht, die Fruchtbarkeit zu schädigen und das Erbgut zu verändern.

Auch Lindan gilt als krebserzeugend. Es ist ein potentes Neurotoxin. Es steht in Verdacht Nervenschädigungen, Parkinson und Multiple Sklerose auszulösen, zu Veränderungen der inneren Organe und der Blutbildung zu führen und hat Auswirkungen auf das Immunsystem.

Die Aufnahme der Gifte geschieht vor allem über die Haut und die Atmungsorgane. Bis heute ist nicht völlig geklärt, wie die Mittel auf den menschlichen Körper wirken.

Analysemöglichkeiten

Wenn Sie den Verdacht haben, dass in Ihrem Haus die gefährlichen Holzschutzmittel angewendet wurden, bringt eine baubiologische Analyse Klarheit. Betroffen sein können alle in Innenräumen verbauten Hölzer. Häufig wurde das gesamte Holz der tragenden Konstruktion, wurden Fenster, Türen, Zargen, Wand- und Deckenverkleidungen, Fußböden, Treppen bis hin zu Möbeln mit dem Giftcocktail behandelt. Je nach individueller Situation können Material-, Staub- oder Raumluftproben genommen und analysiert werden. Besonders für PCP gibt es eindeutige Richt- und Grenzwerte, sodass sowohl Gesundheitsgefahren als auch Maßnahmen klar definiert sind.

„Die Geschichte geht weiter und fängt wieder von vorne an“

sagt Erich Schöndorf, der Staatsanwalt und Ankläger des Xylamon-Prozesses. Ende 1991 wurde seiner Beschwerde schließlich stattgegeben und das Gerichtsverfahren endlich zugelassen.

Nach insgesamt 12 ½ Jahren und 3 Urteilssprüchen endete der Strafprozess mit einer Einstellung des Verfahrens im November 1996. Die beiden Angeklagten mussten eine Geldbuße von jeweils 100.000 DM (ca. 50.000 €) an die Gerichtskasse zahlen. Die Fa. BAYER AG und die Deutsche Solvay GmbH mussten als Eigentümer der DESOWAG 4 Millionen DM (ca. 2 Millionen Euro) an die Universität Gießen überweisen, um dort einen Lehrstuhl für Toxikologie der Innenraumluft einzurichten. Somit ist der Prozess mehr als glimpflich für die beiden Angeklagten ausgegangen – als Begründung führte der Richter u. a. das fortgeschrittene Lebensalter der angeklagten Geschäftsführer an. Für die Geschädigten war es ein fataler Ausgang. Denn nur ein Schuldspruch hätte ihren Klagen auf Schadensersatz Erfolgsaussichten gebracht.

Staatsanwalt Schöndorf hat über ein Jahrzehnt für die Geschädigten gekämpft, aber auch gegen seinen Arbeitgeber, die Justiz. Mehrfach wurde von ihm gefordert, das Verfahren einzustellen, doch Schöndorf ließ sich nicht kleinkriegen. Nach Ende des Prozesses verließ er den Justizdienst. Er wurde Professor für öffentliches Recht und Umwelt.

Vergessen bleiben die Opfer der PCP- und lindanhaltigen Holzschutzmittel. Sie sind mehrfache Opfer eines Skandals: gesundheitlich, finanziell, gesellschaftlich und menschlich.

Legal vergiftet, dann vergessen – von Menschen und Ratten

Die spannende Dokumentation des SWR (45 Min.) Die Holzschutzmittel Opfer – Legal vergiftet, dann vergessen ist absolut sehenswert. Tausende Menschen wurden damals krank. Und es gibt neue Opfer. Der Film schlägt einen Bogen vom Xylamon-Prozess zu den Inhaltsstoffen heutiger Holzschutzmittel.

Staatsanwalt Erich Schöndorf (1947-2023) kämpfte trotz vielfacher Widerstände als Staatsanwalt für die Opfer der Holzschutzmittel. Der Prozess nahm ein bitteres Ende. Erich Schöndorf verließ nach Prozessende den Justizdienst und wurde Aufklärer.

Besonders lesenswert ist das Buch von Erich Schöndorf Von Menschen und Ratten. Über das Scheitern der Justiz im Holzschutzmittelskandal.

Schöndorf erzählt seine mehr als 12 Jahre andauernde Kraftprobe, berichtet von geschickt geknüpften Netzwerken, gekaufter Wissenschaft, korrupter Politik und willfähiger Justiz. Der Holzschutzmittel-Prozess hat gezeigt, dass die Justiz keine angemessene Antwort auf die gesundheitlichen Risiken des technischen Fortschritts hat. Sein Buch versteht sich als Plädoyer für die Rückgewinnung justizieller Macht gegenüber wirtschaftlichen Interessen und ist somit auch heute hochaktuell.

baubiologische Messtechnik . kompetente Beratung . individuelle Lösungen