Formaldehyd in Spanplatten: Das “tödliche Bücherregal”

Über 90 % der auf dem Markt angebotenen Möbel bestehen aus furnierten Spanplatten.

Die erste Spanplatte wurde 1940 in Bremen unter Verwendung von Formaldehyd-Harzen hergestellt. Sie löste einen Boom in der Bau- und Möbelindustrie aus, denn nun konnte der Verwertungsgrad von Bäumen von 40 % auf 80 % gesteigert werden. Eigentlich eine gute Sache will man meinen.

Der Grundstoff für Spanplatten ist Abfallholz in Form von kleingehackten Spänen. Diese werden unter hohen Temperaturen und Druck in Form gepresst. Um die Festigkeit zu gewährleisten, wird jede Menge Kunstharzleim zugegeben. Klassischerweise handelt es sich dabei um Formaldehydharz-Leime.

1992 untersuchte das Magazin “Stern” verschiedene Regale auf Formaldehyd. Die Ergebnisse waren erschreckend: “Krank durch Billy” titelte das Magazin und IKEAs Regal-Verkaufsschlager Billy war plötzlich als “tödliches Bücherregal” in aller Munde.

Die Gesundheitsgefahren, welche von formaldehydausgasenden Möbeln ausgehen, sind seither vielen Menschen bekannt. Formaldehyd ist der Möbelschadstoff Nr.1 und das bekannteste Innenraumgift.

Mit rund 21 Mio. Tonnen Jahresproduktion (Stand: 2019) ist Formaldehyd einer der wichtigsten Grundstoffe der chemischen Industrie.

Als leichtflüchtiger Stoff gast Formaldehyd aus z. B. Lacken und Klebern recht schnell aus. Bei Möbeln aus Holzwerkstoffen jedoch sieht es anders aus: Noch viele, viele Jahre nach dem Kauf geben diese das gefährliche Wohngift an die Raumluft ab, denn durch eine chemische Reaktion mit der Raumluftfeuchte wird es immer wieder neu gebildet und freigesetzt. Formaldehyd entweicht folglich über die gesamte Lebensdauer der Spanplatte. Erst wenn die Spanplatte zu Spänen zerfallen ist, ist der Prozess beendet.

Gesundheitliche Auswirkungen von Formaldehyd

Formaldehyd ist sehr reaktiv. Es wird sowohl über die Schleimhäute als auch über die Haut aufgenommen. Zu den typischen gesundheitlichen Folgen einer Formaldehyd-Belastung gehören gerötete und/oder tränende Augen, Schleimhautreizungen, Asthma, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Formaldehyd schädigt das Immunsystem.

2004 hat die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung) Formaldehyd als für den Menschen krebserzeugend (carcinogetic to humans, group 1) eingestuft, was auch zu einer Neubewertung in Deutschland geführt hat.

Schützt mich der Gesetzgeber vor Formaldehyd?

Um die Verbraucher vor einer zu hohen Belastung mit Formaldehyd zu schützen, wurden Formaldehyd-Emissionsklassen eingeführt. Auch wurde die Verwendung des Stoffes wegen der Gefährlichkeit in den letzten Jahren zwar deutlich eingeschränkt, jedoch nicht komplett aus der Produktion von Baustoffen und Möbeln verbannt.

In Deutschland sind für Möbel und Innenausbau nur noch Produkte der Emissionsklasse E1 zulässig. Doch E1 bedeutet nicht “formaldehydfrei”. E1 bedeutet: Das Material entlässt unter bestimmten Bedingungen nicht mehr als 0,1 ppm (dies entspricht. 125 μg/m³) Formaldehyd in die Raumluft.

Sind E1-Platten unbedenklich?

Zum Nachweis einer E1 Klassifizierung wird das zu untersuchende Material bei bestimmten Raumluftparametern in eine Prüfkammer gegeben. Nach einer definierten Zeit wird die Ausgasung gemessen. Diese Laborbedingungen entsprechen jedoch in keiner Weise üblichen Wohnbedingungen. Zusätzlich werden in der Prüfkammer gerade die für die Ausgasung kritischen offenen Kanten abgeklebt!

Verschiedene Vereinigungen, darunter der Blaue Engel, fordern daher deutlich strengere Werte.

Auch die baubiologischen Richtwerte empfehlen niedrigere Werte: Bei baubiologischen Untersuchungen der Raumluft gelten bis 50 μg/m³ als tolerabel. Werte über 50 μg/m³ sind stark und über 100 μg/m³ extrem auffällig und somit aus baubiologischer Sicht nicht mehr zu akzeptieren.

Bei sensiblen Menschen kann Formaldehyd bereits ab einer Konzentration von 60 μg/m³ allergische Reaktionen hervorrufen.

2020 wurden in Deutschland die Prüfkammerbedingungen verschärft, sodass bei gleichbleibendem Grenzwert die Holzwerkstoffe nur noch halb so viel Formaldehyd ausgasen dürfen.

Dennoch: Seien Sie sich also darüber im Klaren, dass E1 nicht zwangsläufig ein Qualitätsmerkmal ist. Im Sinne einer aktiven Gesundheitsvorsorge sollte in Ihren Innenräumen keine Belastung mit Formaldehyd vorliegen. Vermeiden Sie daher zuhause besser E1-Platten.

Gerade ältere oder ausländische Möbel, deren Herstellung nicht den aktuellen deutschen Standards entsprechen, können Formaldehydausgasungen bedenklicher Konzentration erreichen.

Wie hoch die Formaldehyd-Belastung im Raum ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, im Besonderen natürlich von der Fläche und Qualität der verbauten Holzwerkstoffe und der Raumgröße.

Ihr Möbelverkäufer sagt: “Formaldehyd? Kommt auch in der Natur vor!”

Tatsächlich: Manche Früchte enthalten Formaldehyd. Formaldehyd entsteht im menschlichen Körper bei Stoffwechselvorgängen und gast auch aus naturbelassenem Massivholz aus.

Die in Holzwerkstoffen verwendeten Formaldehydharze werden jedoch künstlich hergestellt. Und es verhält sich wie bei Vielem: In geringen Mengen ist Formaldehyd unbedenklich. Es kommt auf die Dosis an.

Im Vergleich zu Spanplatten enthalten Massivholzmöbel deutlich weniger Formaldehyd (bis zum hundertfachen), sodass selbst bei zahlreichen Möbeln kaum erhöhte Werte in Innenräumen erreicht werden.

Bei einer baubiologischen Messung wird die Raumluft auf Formaldehyd untersucht. Im Gegensatz zu (oft realitätsfremden) Prüfkammerbedingungen wird hier die Menge an Formaldehyd gemessen, der die Bewohner ausgesetzt sind.

Gibt es auch unbedenkliche(re) Spanplatten?

Ja!

Eine gute Alternative sind F0-Platten (Herstellerbezeichnung). Hier wird ein formaldehydfreier Kleber verwendet. Es gibt auch zementgebundene Spanplatten. Auch Magnesit ist ein formaldehydfreies Bindemittel für Holzwerkstoffe.

Manche Hersteller verwenden die Bezeichnung E0,5 D2020 um darauf hinzuweisen, dass es sich um Holzwerkstoffe der neuen Prüfkammerbedingungen seit 2020 handelt.

Auch Holzwerkstoffe mit dem NaturePlus- oder Eco-Institut-Siegel gasen nur geringe Mengen von Formaldehyd aus.

Besser nicht:

Seit 2016 dürfen Produkte mit dem Blauen Engel 80 μg/m³ in der Prüfkammer ausgasen (bis 2016 nur 60 μg/m³) und sind daher nicht uneingeschränkt zu empfehlen.

Platten mit der Kennzeichnung E1+ emittieren in der Prüfkammer maximal 80 μg/m³ und sind somit wie jene mit dem Blauen Engel nicht für große Flächen geeignet.

Keinesfalls verwenden sollten Sie Produkte der Emissionsklasse E2. Diese dünsten die 10-fache Menge der E1 Platten aus: 1250 μg/m³. Bei E3 Produkten entstehen sogar 1750 μg/m³ Formaldehyd in der Raumluft im Prüfkammerversuch!

Viele Möbel enthalten Formaldehyd. Dieses entweicht aus Holzwerkstoffen wie Spanplatten.

10 wertvolle Tipps: So vermeiden Sie Formaldehydbelastungen im Wohnbereich

  1. Bevorzugen Sie bei der Anschaffung von Möbeln Vollholzmöbel aus massivem, unbehandeltem Holz. Achten Sie auch auf die Rückwände und Schubladen!
  2. Verzichten Sie auf Laminatböden, diese enthalten oft Formaldehyd zur Feuchte-Imprägnierung.
  3. Auch Korkfußböden können Formaldehyd enthalten – prüfen Sie das Produkt ihrer Wahl.
  4. Wenn Sie Holzwerkstoffe im Wohnraum verwenden möchten, achten Sie auf die Emissionsklasse, die Herkunft und das Herstellungsdatum der Produkte.
  5. Furnierte Oberflächen vorhandener Spanplattenmöbeln können mit Bienenwachs und einem weichen Lappen eingerieben werden. Bienenwachs hat die Fähigkeit Formaldehyd zu binden.
  6. Auch Bohrlöcher können mit Bienenwachs verschlossen werden, um Ausdünstungen zu vermeiden.
  7. Offene Kanten oder auch ganze Möbel können durch Lackieren versiegelt werden. Verwenden Sie hierzu ausschließlich Lacke, die zur Versiegelung geeignet sind und zudem keine Schadstoffe enthalten.
  8. Rauchen Sie nicht! Ein Raucher nimmt pro Zigarettenpackung 3 mg Formaldehyd auf, Raucher von E-Zigaretten bei gleichem Konsum sogar 14 mg. Übrigens: im kalten Nebenstrom ist 50 x mehr Formaldehyd enthalten, als im Hauptstrom!
  9. Helfen können auch Zimmerpflanzen, die Formaldehyd abbauen. Es eigenen sich: Drachenbaum (Dracena), Efeutute (Epipremnum aureum), Goldfruchtpalme (Chamaedorea seifrizii), Zimmeraralie (Fatsia japonica), Birkenfeige (Ficus benjamina), Grünlilie (Chlorophytum comosum), Scheidenblatt (Spathiphyllum), Fensterblatt (Monstera deliciosa), Orchideen (Orchidaceae), Flamingoblume (Anthurium andraeanum), Schwertfarn (Nephrolepis exaltata), Gummibaum (Ficus elastica), Steckenpalme (Rhapis excelsa), Philodendren (Philodendron)
  10. Vorsicht bei älteren Fertighäusern! Hier wurden oft großflächig Spanplatten verbaut.

Haben Sie Verdacht auf eine Formaldehyd-Belastung der Raumluft, bringt eine Raumluftuntersuchung Klarheit!

4 Antworten auf „Formaldehyd in Spanplatten: Das “tödliche Bücherregal”“

  1. Ein äußerst informativer und aktueller Artikel über Formaldehyd! Jetzt habe ich endlich Klarheit. Ihr Artikel hat mich sehr motiviert, meine Gesundheit auf einer weiteren Ebene positiv zu beeinflussen. Meine alten Spanplatten unter meinem Teppichboden werden bei der in Kürze anstehenden Teppichneuverlegung jetzt definitiv entfernt! Vielen Dank!

  2. Liebe Christine,
    vielen Dank für den informativen und sehr gut recherchierten Newsletter. Auch wenn ich noch Möbel habe die mit Sicherheit Formaldehyd enthalten und sie jetzt auch nicht sofort ersetzen werde, so bin ich Dir doch für diese Informationen sehr dankbar, denn ich werde mich nun zumindest bei künftigen Anschaffungen vorab mit dem Thema und den verschiedenen Werten beschäftigen.
    Herzliche Grüße
    R.M.B.

  3. Formaldehyd ist leider immer noch ein Thema in Kosmetika, nämlich in Selbstbräunern. Zwei der Stoffe, welche die Bräune erzeugen, nämlich Dihydroxyaceton und Erythrulose setzen beim Zerfall Formaldehyd frei. Ist der Selbstbräuner schon älter, dann deutlich mehr.
    Zwar ist Formaldehyd seit (erst!!) 2019 in der EU als Bestandteil von Kosmetika verboten. Aber da es sich hier nicht um einen Bestandteil sondern das Ergebnis eines Zerfalls während der Lagerung handelt, findet sich das Formaldehyd ganz legal in den Produkten.
    Daher bei Selbstbräunern unbedingt aufs Verfallsdatum schauen und keines Falls danach noch verwenden!

  4. Ein sehr interessanter Artikel! So bewusst war mir das noch gar nicht, obwohl ich der Meinung war, selbst viel auf Wohngifte zu achten.
    Die Tipps sind sehr hilfreich und motivierend zugleich. Da muss ich wohl kein schlechtes Gewissen haben, meine Pflanzenkollektion zu erweitern!

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